Faszination Alpinklettern – Ritterschlag in der Alpinkletterroute “Re Arthúr”
Das UNSESCO Weltnaturerbe Dolomiten ist seit jeher Schauplatz alpiner Kletterkrimis. Alpinisten wie Reinhold Messner, Johann Baptiste Vinatzer oder Hans Kammerlander haben in den Felsen der Marmolada, den Drei Zinnen, den Sellatürmen oder am Sass Pordoi schon einige alpine Kletterkunststücke vollbracht. Nun bin ich kein Reinhold Messner und nicht auf der Suche nach dem ultimativen Adrenalinkick im Fels, sondern bevorzuge eher die sichere, alpine Plaisirkletterei. Die alpine Sportklettertour “Re Arthùr” am Passo Giau im Wanderparadies Dolomiten sollte meine Ansprüche daher erfüllen…
Spiz de Mondeval (2.657 m) Südwand, Lastoni di Formin / Dolomiten. Auf der heutigen Seite unseres Tourenbuches stand an diesem schönen Tag Ende Juli die alpine Sportkletterroute “Re Arthúr” in der Südwand des Spiz de Mondeval. Meinen Südtiroler Seilpartner Jakob und mich erwarteten 240 Meter reine Alpinkletterei in zehn Seillängen und bei einer Kletterschwierigkeit von UIAA 5 bis 6b. Die Nacht vor unserem Kletter-Coup am Passo Giau war klar, aber kalt und windig. Etwas nervös, doch voller Vorfreude murmelte ich mich tief in meinen Daunenschlafsack ein und schlief wider Erwarten tief und fest. Der folgende Klettertag begann – für Alpinisten unüblich – recht spät und so brachen wir erst gegen neun Uhr in Richtung der Felswände der Lastoni di Formin auf. Da das Wetter aber sehr stabil vorhergesagt und keine Wolke am Himmel zu sehen war, hatten wir keinen Zeitdruck und ließen dem Fels noch genügend Zeit, sich für unsere Griffe und Tritte aufzuwärmen – Plaisir eben!
Etwa eine Stunde und etlichen Zustiegsmeter später gelangten wir an den Einstieg der Kletterroute, dessen Name “Re Arthùr” nach genauerem Hinsehen in den Fels geritzt war. In der Sonne blitzende Haken und kompakter Fels lächelten uns aus der Südwand heraus entgegen, was meinen Nervositätsgrad übrigens um etliche Stufen senkte. Schließlich sind die Dolomiten bekannt für kühne Hakenabstände, alte Schlaghaken und geschlagene Stände, schwere Routenfindung und brüchiger Fels. Nicht aber in der Route “Re Arthúr” am Spiz de Mondeval.
Bereits die erste Seillänge mit einer schwierigen Croux gleich zu Beginn über ein kleines Dach meisterte mein Seilpartner bravourös. Nun war ich an der Reihe: Stand – Seil ein – Knotencheck – Rucksack auf – Kletterschuhe an – Chalken – Nachkommen! Der Rucksack mit den wichtigsten Utensilien wie Wasser, Snacks, Regenjacke und Erste Hilfe zerrte bereits im ersten Felsvorsprung ganz schön an meinen Schultern, so dass mich die Kletterei mehr Kraft als sonst üblich kostete. Ein Friend, ein Keil und einige Expressen später fixierte ich mich allerdings erleichtert am ersten Standplatz. Der Fels fühlte sich gut an und die Züge waren bisher alle machbar. Von da an waren’s nur noch neun Seillängen.
Konzentriert bewegten mein Seilpartner Jakob und ich uns nacheinander Meter für Meter durch den Fels, riefen uns während des Kletterns nur die wichtigsten Seilkommandos zu und genossen nach jeder erfolgreichen Seillänge immer wieder das eindrucksvolle Panorama über die schroffe Tofana-Gebirgsgruppe und erblickten sogar die Schneefelder der Marmolada. Auch die anspruchsvollsten Seillängen der Klettertour, die mit 6a und 6b bewertet waren, meisterten wir mit etwas Schweißvergießen und ausreichend Muskelkraft erfolgreich. Im 6a-Piaz-Riss in der fünften Seillänge mussten wir daher Geschick und Piaz-Technik demonstrieren, während wir in der darauffolgenden 6b-Schlüsselseillänge kleine Leisten festhielten und gute Trittechnik auspackten. Ohne Hänger gelangen uns diese und auch die restlichen Kletterkunststücke und ich scheiterte fast nur am Herausholen eines Friends. Nachdem ich das Klemmgerät nach etlichem Rütteln und Ziehen endlich aus dem Riss entfernt hatte, war ich froh mich am folgenden Standplatz für einen kurzen Moment ausruhen und mir auf etwa 2.500 Metern einen Snack genehmigen zu dürfen.
Die letzten Seillängen bescherten uns nochmals Klettergenuss vom Feinsten. Nach rund fünf Stunden Kletterei und den zehn steilen Seillängen der Tour “Re Arthúr” schlugen wir uns am Gipfel des Spiz de Mondeval gegenseitig zum Ritter und zogen erschöpft, aber glücklich auf 2.567 Metern die mittlerweile drückenden Kletterschuhe aus. Das Gipfelvesper in der Mondlandschaft des Spiz de Mondeval schmeckte in diesem Moment vorzüglich – besser als jedes Vier-Sterne-Menü – und füllte ein letztes Mal unsere leeren Energiespeicher für den nun bevorstehenden, zweieinhalb Stunden langen Abstieg.
Schritt für Schritt wanderten wir schweigend zurück zu unserem Basislager auf dem Passo Giau, einem weißen VW-Bus. Ein jeder in Gedanken über seine vollbrachte Leistung, den erhaltenen Ritterschlag und die unzähligen Eindrücke und wechselnden Gefühle des Tages. Verspürte ich vor Beginn dieser Kletteraktion noch das Gefühl von Angst vor dem, was uns an alpinen Gegebenheiten (Absicherung, Standplätze, Routenfindung, Wetter, etc.) erwarten sollte, machte sich nun ein Gefühl von Freude, Kraft und Stolz in mir breit. Ich persönlich war in diesem Moment natürlich die Größte. Größer als Marmolada, Tofana und die ganzen Berge drumherum zusammen
So ist das also mit dem Alpinklettern. Die Bergwelt ist gekennzeichnet von Weitläufigkeit, Gewaltigkeit und Eindrücklichkeit. Die Bezwingung eines Berges, das Durchstehen einer langen und anstrengenden Klettertour verschaffen Stärke, Mut und Selbstbewusstsein. Alpinklettern bietet demnach die Möglichkeit, in höchstem Grade physisch und psychisch aktiv zu sein. So wie wir in der Südwand des Spiz de Mondeval am Passo Giau in den Dolomiten – woran mich meine Muskeln noch drei Tage später erinnerten.
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