Stell dich deiner Angst, nur so wirst du sie los
Es gibt für alles eine Liste. Auch für die „Ultra Prominent Peaks“, eine Auflistung besonders markanter Gipfel der Alpen, die eine Schartentiefe von mindestens 1.500 Höhenmetern aufweisen. Unsere Redakteurin Erika bestieg auf der ersten Hochtour ihres Lebens den Piz Kesch: Mit 3.418 Höhenmetern und einer Schartentiefe von ganzen 1.502 Metern liegt er auf Platz 44. Von 44.
x
x
x
Mir war kotzübel. Eine unangenehme Mischung aus Unruhe, dumpfer Angst und großer Vorfreude machte mich so enorm angespannt, dass ich kaum einen Bissen meines Hotelfrühstücks hinunter bekam. Aber ich musste! Schließlich war heute der Tag, auf den ich mich so lange gefreut hatte: der Tag meiner ersten Hochtour.
Für viele Bergsportler ist eine Hochtour die Königsdisziplin. Sie ist nicht nur eine konditionelle Herausforderung in anspruchsvollem, alpinem Gelände, sondern erfordert auch viel Erfahrung. Die Abgeschiedenheit, die wilde Natur, der unglaubliche Weitblick – all das kombiniert mit dem Vertrauen in den Seilpartner, dem Abwechslungsreichtum der Bewegungen und der Überwindung eigener Ängste ergibt eine einmalige Vielfalt, die kaum eine andere Sportart zu bieten hat. Das ist jedoch nur die eine – die schöne – Seite der Medaille. Zumindest für mich, denn ich habe sowohl Höhenangst als auch ein mulmiges Gefühl auf Schneefeldern, seit ich dort durch einen Absturz einmal fast mein Leben gelassen habe.
Werde ich es schaffen?
Während ich am Frühstückstisch saß, schossen mir immer wieder Gedanken durch den Kopf: Schaffe ich es? Werde ich mich bei der Kletterei mit Steigeisen sehr überwinden müssen? Und nicht zuletzt: Wird das Wetter mitspielen? Draußen regnete es in Strömen, obwohl die Wettervorhersage zumindest für den Gipfeltag erstklassig war.
Was wird mich wohl erwarten? Bisher kannte ich nur die wichtigsten Eckpunkte meiner Tour: Um 13 Uhr war das Treffen mit meinem Schweizer Bergführer in Bergün geplant, anschließend würden wir nach Chants, einem kleinen Bergdorf am Ende des Tals, fahren und von dort die 800 Höhenmeter zur Kesch-Hütte aufsteigen. Sollte das Wetter mitspielen, stand für den folgenden Morgen die Besteigung des gleichnamigen Gipfels auf dem Programm, inklusive Gletscherüberschreitung und Kletterei im zweiten Schwierigkeitsgrad.
Nach unendlich langen Stunden des Wartens stiefelte ich zum Treffpunkt. Meine Gedanken hingen irgendwo in den dicken Regenwolken, als ich plötzlich in strahlend blaue Augen blickte. Marcel, der jüngste Bergführer der ältesten Bergschule Graubündens, stand grinsend vor mir. Während er mir von seinen Reisen nach Patagonien und durch Europa erzählte, fiel die Anspannung von mir ab. Der Piz Kesch gehört zu den leichteren Hochtouren, da wird jemand, der bereits auf dem Fitz Roy und dem Mont Blanc stand, mich heil hoch und wieder hinunter bringen, dachte ich mir. Ganz bestimmt.
Von Chants stiegen wir auf schönen Bergpfaden zur Hütte, während der Regen auf unsere Kapuzen prasselte. Das Schutzhaus erblickten wir erst auf den letzten Metern, die Wolken verdeckten hartnäckig jeglichen Blick auf die Umgebung. Gegen Abend lichteten sich die Wolken erstmals ein wenig und gaben für wenige Sekunden den Blick auf den Gletscher frei, der Piz Kesch blieb weiterhin verborgen. Vielleicht besser so, dachte ich. Felswände sehen im Nebel noch furchterregender aus.
Die Angst kroch in mir hoch
Um die Zeit bis zum Abendessen zu verkürzen, streunte ich mit der Kamera etwas um die Hütte umher. Ausgedehnte Schneefelder verdeckten den Weg. Ich peilte einen kleinen See an und lief über den weißen Teppich. Plötzlich war sie wieder da: die Angst. Allein auf einem Schneefeld, obwohl weder besonders steil noch irgendwie gefährlich, kroch das flaue Gefühl vom Bauch langsam bis in die Fingerspitzen. Und wieder der Gedanke: Hoffentlich geht alles gut.
Ich verkrümelte mich schnell zurück in die Hütte zu den anderen und war froh, hier oben nicht allein zu sein. Wir genossen gemeinsam das Abendessen, spielten noch ein paar Runden eine spaßige Schweizer Version von „Uno Uno“ und gingen früh ins Bett. Bis der Wecker um 3.25 Uhr klingelte, schlief ich unruhig, träumte wirre Dinge und hatte das Gefühl, jede halbe Stunde aufzuwachen. Als es dann aber endlich losging, war ich hellwach. Wir legten die Klettergurte und Gamaschen an und wanderten im Schein unserer Stirnlampen in Richtung Gletscher. Die dunklen Wolken hingen immer noch tief und schluckten jegliches Licht. Schade, wie sehr hatte ich mich auf einen Sonnenaufgang vom Gletscher aus gefreut.
Der Berg wirkte schrecklich abweisend
Mit dem ersten Tageslicht erreichten wir den Rand des Gletschers und liefen ab dort am Seil. Falls einer von uns in eine Spalte stürzen sollte, könnte der andere ihn zumindest halten und die Überlebenschancen so erheblich erhöhen, erklärte Marcel beiläufig. Die Sonne ging hinter den dichten Wolken langsam auf und erhellte die Umgebung – der Piz Kesch war weiterhin von einer großen Wolke umgeben und wirkte schrecklich abweisend. Ich versuchte, ihn nicht mehr anzuschauen und konzentrierte mich vielmehr auf das Seil, das gleichmäßig vor mir über den Schnee glitt. Dann standen wir am Einstieg des Gipfelaufbaus. Wir würden zuerst über die steilen Schneefelder und ganz oben über Fels aufsteigen. Über Schneefelder. Mein Magen krampfte sich zusammen…
Mein Fuß glitt über die Eisplatte
Marcel nahm mich ans kurze Seil und wir stiegen ein. Prompt testete ich unfreiwillig diese Sicherungsmethode und rutschte auf einer kleinen Eisplatte aus, kam aber nach einem Sekundenbruchteil wieder zum Stehen. Ich war etwas perplex, verspürte aber keinerlei Angst. Wie praktisch, einen Bergführer dabei zu haben, anstatt hier abzustürzen, dachte ich mir noch und musste lachen. Ab diesem Moment entspannte sich alles – mit den Händen ständig am Pickel oder am Fels ging es gleichmäßig nach oben und die Kletterei mit Steigeisen machte zunehmend Spaß. Besonders auf Fels war es eine tolle Erfahrung, die Zacken hielten einfach überall! Mit jedem Schritt vertraute ich meinen Füßen mehr – hoffte sogar, dass es noch steiler werden würde.
Gerade in diesem Moment sah ich den Gipfel. Das erste Mal in meinem Leben war ich regelrecht enttäuscht über die greifbare Nähe der Bergkuppe, es hätte von mir aus noch Stunden so weitergehen können! Mit den letzten Schritten nach oben wich der Nebel, völlig unverhofft erreichten uns die ersten Sonnenstrahlen. Ich stand allein mit diesem jungen Bergführer auf einer kleinen Insel aus Stein und Schnee –
rundherum nur Wolken, über uns der dunkelblaue Himmel, neben uns die strahlende Morgensonne. Marcel hatte mich tatsächlich unbeschadet und glücklich auf diesen Gipfel gebracht. Was für ein Erlebnis! Die Wolken lichteten sich allmählich, immer mehr Gipfel tauchten auf, immer weiter reichte der Blick. Es war unbeschreiblich schön: diese Aussicht, diese Stimmung, diese Abgeschiedenheit.
Alles rutschte und bewegte sich
Da wir bereits um sieben Uhr auf dem Gipfel standen, genossen wir das Panorama ausgiebig. Eine Dreiviertelstunde
später machten wir uns wieder an den Abstieg. Diesmal ging ich voraus, Marcel dicht hinter mir. Erst jetzt fiel mir auf, was für ein loser Geröllhaufen dieser Gipfel eigentlich war, alles bewegte sich, sowohl der inzwischen aufgeweichte Schnee als auch das Geröll. Einige Male testete ich noch die Sicherungsmethode am kurzen Seil und stand bald wieder wohlbehalten am Einstieg.
x
x
Helm ab, Handschuhe aus. Rückweg nach Chants. Während des Abstiegs über den Gletscher schmiedete ich bereits neue Pläne: Alpinklettern, Gletscherkurs, eine lange Reise durch Europa…Der Moment, in dem aus Anspannung Freude wurde, hatte definitiv süchtig nach mehr gemacht. Gemeinsam mit einer vertrauten Person seine eigenen Grenzen zu verschieben, sich selbst zu überwinden und gleichzeitig in einer so atemberaubenden Natur zu sein, das ist ein erstrebenswertes Privileg. Selten hatte mich eine Aktion in den Bergen so sehr motiviert: Sicher nicht zuletzt, weil ich mich meiner Angst gestellt hatte. Und sie am Ende tatsächlich überwand.
Ich danke allen, die dieses kleine Abenteuer ermöglicht haben – allen voran natürlich dem jungen und doch so routinierten Bergführer Marcel Schenk. Allen anderen Bergsteigern, die ebenfalls den Traum einer Hochtour hegen, kann ich nur raten: Tut es, besser morgen als übermorgen, denn es ist eine völlig neue Dimension. Ihr werdet es nicht bereuen!
Verwandte Artikel
Kommentare
Ihr Kommentar
Alle Felder mit Sternchen (*) sind Pflichtfelder. Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht.

- Bewertungen: 15


















16.07.2012 12:26
Sehr schöner Artikel. Spannend geschrieben und super illustriert. Macht direkt Lust auf mehr.
16.07.2012 12:42
Hi Christian
Danke für das Lob! Da freu ich mich sehr, weißt du ja inzwischen
Steht denn auf deiner Sommer-To-Do-Liste auch eine Hochtour? Oder doch eher nur radeln?
Grüße,
Erika
29.07.2012 19:26
[...] werden – die Belastung kommt also meistens direkt von oben. Ein Bergführer, mit dem ich mehrere Tage unterwegs war, besaß die gleichen– allerdings inzwischen schon das dritte Paar! Er benützt sie vor allem [...]
25.10.2012 08:51
[...] im Internet. Ein schönes Fotoalbum bei Facebook, ein lustiger Spot auf YouTube oder eine spannende Geschichte in einem Magazin, die Lust auf mehr macht. Zeitpunkt oder Begleitung ist noch nicht klar, fest [...]
17.01.2013 09:10
[...] Welt, die ihre etwas verschrobene Art mit ihrer großen Erfahrung wettmachen. Die David Lamas und Marcel Schenks, die jung und stark sind, in der Stadt nicht auffallen, aber im Fels und Eis enorme Stärke [...]