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Die Milch-Pipeline im Pitztal

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Kontrollbesuch bei den Kuehen 3Eine Pipeline transportiert das frisch Gemolkene von der Tanzalm direkt ins Bergdorf Jerzens. Ein Besuch an der Quelle, die auf 2000 Metern im Hochzeiger-Gebiet sprudelt. Wenn Hans Jeitner den Hahn aufdreht, kommt sie genau 36 Minuten später im Tal an. Statt nach dem Melken mit vollen Kannen und über beschwerliche Bergwege hinunter zu fahren, schickt er die Milch per Pipeline zur Sammelstelle ins Bergdorf Jerzens. Die Tanzalm im Pitztaler Hochzeigergebiet ist die einzige Alm in Tirol und vielleicht sogar im gesamten Alpenraum, wo’s funktioniert. Und zwar seit 1958. Damals nämlich wagten die schlauen Bauern des abgeschiedenen Hochtals den Versuch – und verlegten unterirdisch eine Art Gartenschlauch – man könnte es auch als “Milch-Pipeline” bezeichnen.

Die Milch fließt sozusagen unter den Wanderern hindurch, die am Hochzeiger unterwegs sind. Wer sich zur Milchquelle aufmachen möchte, erreicht die knapp 2000 Meter hoch gelegene Tanzalm in zwei Stunden – und wird oben mit einem gigantischen Blick auf die Kaunergruppe bis hinüber nach Serfaus-Fiss-Ladis und den Arlberg belohnt. Wo früher eine einfache Hütte Unterschlupf gewährte, bietet heute der Berggasthof Tanzalm 40 Gästen Kost und Logis. Hier wohnt auch der 61-jährige Hirte Hans Jeitner. Im Stall nebenan ist er Herr über 52 Kühe, die er gemeinsam mit Carola Falch umsorgt. Sie ist ihrem Hirten, den sie schon als kleines Kind besuchte, als er noch am Arlberg käste, ins Pitztal gefolgt. „Es war immer mein Traum, so zu leben“, sagt die 21-Jährige. Zwar hat Zenzi Sonnenbrand am Euter und zickt schon, sobald man die Zitzen nur berührt und die Kühe von Bauer Raggl zerdrücken die junge Frau beim Melken fast in ihrer Mitte, aber Carola Falch lacht und meint: „Das passt schon.“

Heute wird gemessen. Die beste Kuh schafft 14 Liter, die schlechteste mal gerade sechs. „Jeder Bauer bekommt anteilig das raus, was seine Viecher geben“, erklärt Hans Jeitner, der regelmäßig kontrolliert. Und alles daran setzt, dass der Ertrag so hoch wie möglich ausfällt. Im vergangenen Sommer freute er sich nicht nur über ansehliche Mengen, sondern auch über die zweitbeste Milch in ganz Tirol und die damit verbundenen Molkereipreise. Das will er wieder schaffen.

Heute Abend sind es rund 400 Liter, die über die Gestänge der modernen Rohmelkanlage in den Tank gepumpt werden – durch einen Plattenkühler, der sie von Kuh-Körpertemperatur auf vier Grad Celsius bringt. Andernorts stehen jetzt Transport oder alternativ Käse- und Butterproduktion auf dem Programm. Auf der Tanzalm dagegen lässt man den Dingen ihren Lauf.

Um genau zu sein, muss Hans Jeitner vorher noch Schläuche umstecken. Denn durch die drei Kilometer lange Pipeline, die auf ihrem Weg ins Tal 800 Höhenmeter überwindet, rinnt permanent frisches Bergquellwasser. Das hält die Leitung sauber. Zwei Schaumstoff-Pfropfen werden zum Trocknen der Innenwände hinterhergeschickt – schließlich soll sich die Qualitätsmilch nicht mit Wasser mischen. 36 Minuten später kommen die beiden Ausputzer bei Ehrentraud in der Milchsammelstelle an. Für sie das Signal, dass gleich die frische Milch einschießt und sie ihr Schlauchende mit dem Milchtank verbindet. Ein Handgriff, den sie allabendlich um 19.30 Uhr verrichtet. Denn Hans Jeitner ist pünktlich und legt im Zweifel beim Melken einen Zahn zu, bevor er jemanden warten lässt.

Wenn die ersten Einheimischen mit ihren Milchkannen eintrudeln, kann Ehrentraud aus dem Vollen schöpfen. „Früher haben auch die Hoteliers bei uns geholt – aber heute darf Rohmilch nur noch für den Privatgebrauch verwendet werden“, sagt Gebhard Schöpf, der Obmann der Agrargemeinschaft Tanzalpe. Daher bleibt nur ein geringer Teil im Tal, das meiste holt die Molkerei.

Die Molkerei war es auch, die einst den Anreiz zum Pipelinebau gab. Denn in den 1950er Jahren, als es noch keine Milchseen gab, fehlte während der Almsaison schlicht der Rohstoff zur weiteren Veredelung. Jeder Liter zählte und was lag näher, als den Bauern den Milchtransport ins Tal schmackhaft zu machen? „Molkerei und Landesregierung haben Zuschüsse gezahlt und uns die Bauanleitung an die Hand gegeben“, so Schöpf.

Hans Reheis ist heute 90 – und war damals dabei. „Länger als einen halben Tag habe ich nicht gebraucht“, meint er sich zu erinnern. Schon lagen seine 40 Meter PVC-Schlauch gut 30 Zentimeter tief unter der Erde. Von den damals rund 80 Mitgliedern der Agrargemeinschaft Tanzalpe musste jeder ein Teilstück übernehmen. Der Pionier, der von seinem Haus aus dem 18. Jahrhundert mit holzvertäfelter Stube von damals und Bänkchen vor der Eingangstür direkt auf den Hochzeiger blickt, hatte Glück gehabt und beim Auslosen des Arbeitseinsatzes und eine einfache Strecke gezogen.

Zwar klingen neun Millimeter Durchmesser für eine Pipeline irgendwie lächerlich, aber mehr durften es auf keinen Fall sein. „Da gab’s genaue Berechnungen“, weiß der Obmann. Denn eine zu hohe Fließgeschwindigkeit hätte dazu geführt, dass sich Eiweiße und Fette trennen – oder salopp: dass unten Sahne oder auch Buttermilch rauskommt. „Alle 150 Meter sind Schlaufen eingebaut, die aussehen wie Dreier-Loopings, damit das Tempo gebremst wird“, erklärt Schöpf.

Aber warum funktioniert die Pipeline nur im Pitztal wirklich – wo es doch viele Bauern auch andernorts versucht haben? „Häufig gab es Probleme mit der Hygiene“, weiß Experte Schöpf und betont, dass im Schlauchinneren nicht der geringste Widerstand sein darf. „Die kleinste Unebenheit – und schon setzen sich Bakterien fest.“ Bleibt zu folgern, dass die Bauern der Tanzalpe offenbar die ordentlichsten Schweißer sind – und ganz präzise gearbeitet haben, als die diversen Schlauchteile verbunden werden mussten. Einmal hat eine Wurzel der Pipeline den Saft abgedrückt. Das führte zum einzigen Ausfall innerhalb von 54 Jahren. Inzwischen wurden einige Teilstücke erneuert, aber auch das haben die patenten Pitztaler wieder eher nebenher erledigt.

Wenn die Milch bei Ehrentraud im Tal ist, reinigt Hans Jeitner den Schlauch wieder mit zwei Schaumstopp-Pfropfen, verbindet ihn mit der Wasserleitung und die Arbeit ist getan. Im Berggasthaus Tanzalm wartet Hirte Klaus Schrott schon, der abends gern von der Kalbenalm auf einen Sprung hinüber kommt. Man bespricht den Tag und plant den nächsten. Es geht um die Haflinger, die morgen auf eine andere Weide getrieben werden müssen und um die Frage, ob man die Kühe zu Beginn der nächsten Saison mit Sonnencreme einreiben sollte, damit sie sich die Euter nicht verbrennen. Gäste dürfen sich gern dazu setzen und können ihren Horizont erweitern – sofern sie den Dialekt verstehen. Vielleicht mal in der Früh im Stall helfen? Wer sich hinreißen lässt, wird um 3 Uhr geweckt. Von Hirte Hans persönlich.

Die Alm ruft
Carola und Hans machen Pause vor der HuetteWer Hans Jeitner auf der Tanzalm besuchen möchte, startet am besten an der Talstation der Hochzeigerbahn im Sonnendorf Jerzens (1450 m). Sportliche entscheiden sich für den schmalen und steilen Bärensteig und erreichen ihr Ziel in 2000 Metern Höhe nach einer Stunde. Etwa die doppelte Zeit muss man für den Außerwaldweg oder den alten Hochzeigerweg einplanen – beide Varianten schlängeln sich in sanften Serpentinen den Berg hinauf. Ganz entspannt geht’s mit der Hochzeigerbahn: Die Bergstation ist nur zehn Minuten von der Tanzalm entfernt.

Im Berggasthaus Tanzalm können sich neuerdings auch Sommergäste einquartieren. Die Übernachtung mit Halbpension kostet ab 28 Euro für Erwachsene.

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