Im grünen Herzen des Kontinents: Die Hohe Tatra
Sie gilt als das kleinste Hochgebirge der Welt. Obwohl ihr Hauptkamm nicht mehr als 27 Kilometer lang ist, wartet die Hohe Tatra mit 25 Gipfeln oberhalb der 2500-Meter-Grenze auf. Besucher des Gebirges an der polnisch-slowakischen Grenze finden eine beeindruckende Naturlandschaft vor, deren Ursprünglichkeit in den Alpen nur noch in wenigen geschützten Regionen existiert.
Nicht wenige touristische Regionen in Süd- oder Mitteldeutschland setzen bei ihren Vermarktungsaktivitäten auf die Feststellung „im Herzen Europas“ zu liegen. Wer dies behauptet, verkennt jedoch, dass Europa sich viel weiter nach Osten erstreckt als vielleicht angenommen. Die Weiten Russlands sind auch diesseits des Urals gigantisch, und so kommt es, dass der tatsächliche Mittelpunkt Europas irgendwo in der Nähe der litauisch-weißrussischen Grenze zu suchen ist.
Ein Blick auf die Satellitenbilder von Google Earth bzw. Google Maps lässt noch einen weiteren Schluss zu. Wer den Kartenausschnitt über Europa zentriert, dem wird auffallen, dass sich ziemlich genau auf halber Wegstrecke zwischen Ostsee und Mittelmeer sowie zwischen Nordsee und Schwarzem Meer ein großflächiges grünes Waldgebiet befindet. Exakt im Zentrum dieses grünen Herzens Europas liegt die Hohe Tatra.
Das Dach der Karpaten
Zwar erreicht keiner der Tatragipfel auch nur annähernd die Höhe eines Mont Blanc. Selbst die Zugspitze überragt mit ihren 2962 m den höchsten Berg der Tatra – den Gerlach (slowakisch Gerlachovský štít, 2655 m) – um über 300 Höhenmeter. Dennoch erscheint die Hohe Tatra bereits aus der Ferne als eindrucksvolles Bergmassiv. Wer von der flachen Ebene des Dunajec zwischen Jabłonka und Nowy Targ aus nach Süden schaut, erblickt eine Bergkette, deren felsige, im Winter von weißem Schnee bedeckte Gipfel steil in die Höhe ragen. Neben dem Gerlach, der als höchster Berg der Hohen Tatra zeitgleich nicht nur der höchste Berg der Slowakei sondern auch des gesamten Karpatenbogens ist, befindet sich hier mit dem Rysy (2503 m) auch der höchste Punkt Polens.
Wanderparadies und Refugium für bedrohte Tiere
Zur Zeit des real existierenden Sozialismus war die Hohe Tatra bei vielen Bürgern der DDR ein sehr beliebtes Urlaubsgebiet. Dass sich dies nach dem Fall der Mauer schlagartig änderte, kann nur damit erklärt werden, dass die neuen Bundesbürger ihre hinzugewonnene Reisefreiheit dazu nutzten, von nun an vor allem in die deutschsprachigen Wandergebiete der Alpen zu fahren. So kommt es, dass die Hohe Tatra heutzutage nicht nur in den alten Bundesländern ein eher exotisches Ziel ist. Für Polen, Slowaken und Tschechen ist sie dagegen naturgemäß das Bergsteigerparadies Nummer 1. Zahlreiche gut ausgeschilderte Wanderwege machen es möglich, die unberührte Natur der beiden Tatra-Nationalparks auf beiden Seiten der Grenze zu erkunden. Die dichten Nadelwälder rund um die felsigen Gipfelregionen sind ein Refugium für zahlreiche Tierarten, die in vielen anderen Regionen Europas seit Langem verschwunden sind. Während Gämsen und Murmeltiere sich häufiger blicken lassen, sind Begegnungen mit Wölfen, Luchsen oder Braunbären allerdings extrem selten.
Zakopane und Poprad – die Eingangstore ins Gebirge
Unter Skisprung-Fans dürfte das polnische 30.000-Einwohner Städtchen Zakopane vor allem wegen seiner Schanze bekannt sein. Der Ort, an dem Adam Małysz von seinen Landsleuten alljährlich wie ein Volksheld gefeiert wird, liegt am nördlichen Gebirgsfuß und ist neben dem slowakischen Poprad das wichtigste Eingangstor für Wanderungen durch die Hohe Tatra. Unmittelbar hinter der Stadtgrenze Zakopanes beginnen die dichten Nadelwälder des Nationalparks. Auf dem Weg zu den felsigen Gipfelregionen gilt es diese einzigartige, seit den 1950er Jahren unter Schutz stehende, Vegetation zu durchqueren. Wer von Wanderungen aus den Alpen gewohnt ist hin und wieder auf eine Almwiese mit grasenden Rindern zu treffen, wird in der Hohen Tatra davon überrascht sein, dass der Wald sich flächendeckend bis hinauf zur Baumgrenze erstreckt. Da im Nationalpark bis auf die Wanderwege und einige bewirtschaftete Hütten keine menschlichen Eingriffe in die Natur erwünscht sind, ziehen die Wälder sich bis hinab in die Flusstäler, was einem bisweilen das Gefühl gibt nicht in Europa, sondern irgendwo in den kanadischen Rocky Mountains unterwegs zu sein.
Berghütten in traumhafter Umgebung
In den höheren Lagen, teils oberhalb der Baumgrenze laden im slowakischen Teil der Hohen Tatra 14 und im polnischen Teil sieben Berghütten dazu ein, sich bei Speis und Trank zu stärken. Auf polnischer Seite wird meist die sehr leckere landestypische Küche mit ihren deftigen Gerichten wie Bigos (Sauerkraut mit verschiedenen Fleisch- und Wurstarten), Barszcz (Gemüsesuppe) oder Parówkis (sehr zarte Würstchen, die auch gerne zum Frühstück gegessen werden) serviert. Wer länger als nur einen Tag durch die Tatra streifen möchte, kann in den Hütten natürlich auch übernachten. Einige von ihnen befinden sich in traumhaft schöner Lage wie etwa die Herberge im Tal der fünf Seen (Schronisko w Dolinie Pięciu Stawó) oder die Herberge am Meeresauge (Schronisko nad Morskim Okiem).
Orte von nationaler Bedeutung
Letztere ist besonders am Wochenende Zielort vieler polnischer Touristen, denn das Meeresauge, ein türkisblauer Gletschersee, liegt in einem tief eingeschnittenen Tal direkt am Fuße des Rysy, Polens höchstem Berg. Der Berg gilt vielen Polen als nationales Symbol, weshalb seine Besteigung äußerst populär ist. Obwohl der Aufstieg ziemlich steil und felsig ist, kann der Gipfel des Rysy problemlos ohne Spezialausrüstung erreicht werden. Wer danach Blut geleckt hat und auch noch die höheren Gipfel jenseits der Grenze rund um den Gerlach erklimmen möchte, muss sich darauf einstellen, dass dies nur mit Bergführer erlaubt ist. Ohne Bergführer zugänglich sind in der Slowakei nur Gipfel unterhalb der 2500-Meter-Grenze, so z. B. der 2494 m hohe Kriváň, der als wichtiges nationales Symbol seit 2009 auf den slowakischen 1-, 2- und 5-Eurocent Münzen abgebildet ist.
Hilfreiche Links:
Slowakischer Tatra-Nationalpark (Tanap)
Bergütten und Hotels in der Hohen Tatra
Weitere schöne Bilder von der Hohen Tatra gibt es hier:
Satellitenkarte der Hohen Tatra:
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