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Unsichtbare Architektur oder Wohnen unter der Erde

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Impressionen einer Großstadt - der Berliner Stadtteil Marzahn. Foto: Peter Zimmermann, Deutsches Bundesarchiv (Creative Commons Attribution ShareAlike)„Am liebsten würde ich Häuser ohne Dächer bauen, dann bliebe die Natur spürbar“. Dieser Wunsch des japanischen Architekten Tadao Ando drückt ein Dilemma aus, in dem sich viele Architekten befinden. Wie schafft man einen Einklang zwischen Architektur und Natur? Schließen sich die beiden Bereiche aus?

Wenn man an die Betonschluchten verschiedener Großstädte oder die Eintönigkeit mancher Neubaugebiete denkt, scheint das so. Das ursprüngliche Landschaftsbild ist bis zur Unkenntlichkeit verändert, der Boden mit Asphalt versiegelt.

Wohnen, wie im Auenland

So ähnlich sieht es wohl im Auenland aus - Erdhaus von Peter Vetsch. Foto: archi0780 (GNU Free Documentation License)Möglicherweise liegt die Lösung für diesen Konflikt „unter der Erde“. Der Schweizer Architekt Peter Vetsch gilt seit 1974 als Pionier so genannter Erdhäuser. Die Wohnhäuser Vetschs – die manche an Bauwerke Antoni Gaudís, andere an die Behausungen der Hobbits im Roman „Der Herr der Ringe“ erinnern – fügen sich durch ihre organischen Formen harmonisch in die Landschaft ein. Ihre Dächer sind von Erde bedeckt und mit Gräsern und Büschen bewachsen, durch große Glasflächen und Oberlichter dringt Licht in die Räume. „Sie zeichnen sich durch die Nähe zur Natur aus und ermöglichen ein innovatives Raumerlebnis jenseits der konformen vier Wände und ihrer rechten Winkel“, beschreibt Vetsch seine Häuser. Dabei ist jedes seiner Bauwerke ein Unikat, das den Wünschen des jeweiligen Eigentümers angepasst wird.

Die Erdhäuser von Peter Vetsch bewahren nicht nur die Ursprünglichkeit der Landschaft, sondern nutzen die Erde auch zur Isolation. Sie schützt effizient vor Regen und Wind und hält die Innenräume durch ihre temperierende Wirkung im Sommer kühl und im Winter warm. Lehm-Putz an den Mauern sorgt ebenfalls für ein angenehmes Raumklima. Die Nutzung von alternativen Energiequellen komplettiert das ökologische Konzept der Häuser, die die Kriterien des Schweizer Minergie-Standarts (einer Zertifizierung ähnlich dem deutschen Niedrigenergiehaus) erfüllen.

Flexible Wände unter einem Mantel aus Erde

Klare Formen prägen das Erdhügelhaus SolArc. Foto: ARCHY NOVADas temperaturausgleichende und damit energiesparende Prinzip der erdbedeckten Häuser wenden auch die Architekten von ARCHY NOVA an. Inspiriert durch die Höhlenwohnungen amerikanischer Ureinwohner, die der Firmengründer Gerd Hansen bei einem Studienaufenthalt in den USA besuchte, entwickelte das Team Anfang der 1990er Jahre ein Erdhügelhaus – das patentierte SolArc. Der Bau eines solchen Niedrigenergiehauses, das dem deutschen Energiestandart KfW40 entspricht, wird durch die KfW-Bankengruppe gefördert.

Im Gegensatz zu Vetschs verspielten Rundungen setzt ARCHY NOVA auf klare Formen. Ein einfaches Tonnengewölbe überspannt das Haus, das an den zwei abgerundeten Seiten mit Erde aufgeschüttet ist und an den zwei Giebelseiten über riesige Fensterfronten verfügt. So entsteht ein hoher lichter Raum, der ohne tragende Zwischenwände auskommt und flexible Raumaufteilungen ermöglicht, die auch nachträglich problemlos verändert werden können. Der eigenen Kreativität sind im Inneren also keine Grenzen gesetzt.

In dem Buch "Tadao Ando: Sunken Courts - Bauen in die Erde" werden die unterirdischen Räume Andos vorgestellt. Foto: Tadao AndoSunken Courts – Bauen in die Erde

Zurück zu Tadao Ando. Der Japaner, der 1995 mit einem der renommiertesten Architekturpreise, dem Pritzker-Preis, ausgezeichnet wurde, geht einen radikaleren Weg. Anstatt Häuser auf die Erdoberfläche oder in den Hang zu bauen und diese mit Erde zu bedecken, versenkt er seine Bauten in den Grund und schafft damit unterirdische Räume und eine unsichtbare Architektur. „Unter der Erde gibt es keinen äußeren Standpunkt, von dem aus Architektur betrachtet werden kann. Die architektonische Form wird unsichtbar. Mein Interesse gilt dann einzig dem Raum, den eine Person innen wahrnimmt“, so der Autodidakt Ando. Öffentliche Gebäude wie Museen, Theater, Seminarhäuser und Forschungszentren in Japan, aber auch in Italien, in Neuss und Weil am Rhein tragen seine Handschrift. Werner Blaser stellt diese in seinem Buch „Tadao Ando: Sunken Courts – Bauen in die Erde“ vor.

Andos Entwurf für das "Theater in the Rock" in Oya, Japan wurde nicht umgesetzt. Bild: Tadao AndoWie Hansen hat auch Ando sich auf Reisen zu seinen „in den Boden versenkten Architekturplastiken“, wie Blaser die Gebäude bezeichnet, inspirieren lassen. Bei den Treppenbrunnen im indischen Ahmedabad, den Mogao-Grotten im chinesischen Dunhuang und den Höhlenhäusern in Kapadokien entdeckte er seine Faszination für Räume unter der Erde, in denen das Licht immer mehr abnimmt und die Dunkelheit sich verdichtet, je weiter man hinabsteigt.

Der Traum von unterirdischen Städten

Natur und Architektur verschmelzen bei Tadao Ando. Foto: Mitsuo MatsuokaTrotzdem sind die Räume, die Ando schafft, keine düsteren Höhlen. Ando spielt mit dem Licht. Wie die Wohnhäuser von Peter Vetsch und ARCHY NOVA vermitteln seine Architekturen Intimität und Geborgenheit und tragen gleichzeitig dem menschlichen Bedürfnis nach Luft und Sonne Rechnung. „Durch die nach oben geöffneten Höfe und die teilweise verglasten Fassaden dringt die Natur ins Gebäude, gehen Innen und Außen, Himmel und Erde eine eigentümliche Verbindung ein“, so Blaser.

Im Zeitalter der modernen Megastädte und des Klimawandels ist die Frage nach der Vereinbarkeit von Natur und Architektur aktueller denn je. Tadao sieht die Zukunft heutiger Städte unter der Erde: „Noch immer von unterirdischen Städten träumend, stelle ich auch heute noch bei mehreren laufenden Projekten Untersuchungen zu einer unsichtbaren Architektur an, die sich tief unter der Erde entfaltet und von einem reinen, transparenten Licht ausgeleuchtet wird.“ Seine Sunken Courts, die Erdhäuser von Peter Vetsch und die SolArc-Häuser von ARCHY NOVA sind ein erster Schritt in diese Richtung.

Werner Blaser:
Tadao Ando:  Sunken Courts – Bauen in die Erde
erschienen im September 2007 im  Verlag Niggli, 132 Seiten, 30 Euro
ISBN 978-3-7212-0609-8

Erhältlich ist das Buch direkt beim Verlag (Verlag Niggli AG, Steinackerstraße 8, CH-8583 Sulgen, Schweiz) im gut sortieren Buchhandel oder im Internet.

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Kommentare

  1. Dachgärten - grüne Oasen im Häusermeer | outdooractive Magazin
    12.06.2009 09:46

    [...] Unsichtbare Architektur oder Wohnen unter der Erde [...]

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