Kunst, Architektur und Natur: Museumsinsel und Raketenstation Hombroich
Im Stadtteil Holzheim nahe Neuss findet sich ein etwa 250 ha großes Areal, das von der gemeinnützigen Kulturstiftung des Landes Nordrhein-Westfalen betrieben wird. Ihrem Selbstverständnis nach ist die Stiftung Träger eines Kulturraumes oder Kulturlabors. Eine gekonnt inszenierte Parkanlage lädt den Besucher ein, sich auf ein Abenteuer der besonderen Art einzulassen. Der Architekt Erwin Heerich schuf skulpturale Bauwerke aus Backsteinen, die sich in den Park einfügen, als wäre der Park für sie da und nicht umgekehrt.
Gerade wenn der Park beinahe vor Grün explodiert, sind die Gebäude aus der Entfernung kaum auszumachen und beinahe jeder Schritt im Park birgt Überraschungen.
Einige Bauwerke dienen der Kunstvermittlung im gewohnten Sinn, manche stehen als Skulptur blank und leer da, obgleich keines wirklich leer ist. Fenster eröffnen den Blick ins Grüne und jedes Gebäude empfängt den Besucher mit einer ganz eigenen Atmosphäre. Gänse, Frösche und anderes Getier tummeln sich auf dem Gelände, Weiden, Buchsbäume, Hecken und Teiche ermöglichen ein biotopartiges Leben neben, zwischen und in der Kunst.
Unverkrampft und offen – auch so kann Museumskonzeption aussehen
Das Konzept der Stiftung beinhaltet eine Offenheit, die dem Museumsfreund zunächst unvertraut erscheint, denn keine Wärter lauern auf diejenigen, die Kunstwerken nur wenige Zentimeter zu nahe rücken. Ein typisches Bild des Museumsbesuchers trifft man hier nicht an: Die nach vorne gebückte, leicht verkrampfte Haltung derjenigen, die versuchen, das Schild neben dem Bild zu entziffern. Diese Haltung von Museumsbesuchern fehlt nämlich in Hombroich und dies ist Teil des Gesamtkonzeptes, das den unverkrampften Dialog mit den Werken ermöglichen soll und auch kann. So finden sich unter anderem Werke von Kurt Schwitters, Jean Arp, Jean Fautrier, Eduardo Chillida, Constantin Brancusi, Lovis Corinth oder Paul Cezanne. Aufgrund der fehlenden Beschriftung kann der Besucher einen direkten Dialog mit jedem Werk eingehen, der unbeeinflusst vom Wissen um Herkunft, Autorenschaft und Besitz des Werkes stattfinden kann.
Mitten im Park steht das Haus des Joseph-Beuys Schülers Anatol Herzfeld. Hier kann man ihm bei der Arbeit über die Schulter schauen und sich von ihm einige seiner Werke erklären lassen.
Erwin Heerich und die begehbare Skulptur
Erwin Heerich (1922-2004) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als er Anfang der 1980er Jahre die Möglichkeit bekam, einige Gebäude für Hombroich in Zusammenarbeit mit dem Kunstsammler und Immobilienmakler Karl-Heinrich Müller sowie dem Düsseldorfer Architekten Hermann H. Müller zu entwerfen, konnte er seine Vorstellung, dass das Dauerhafte seiner Werke nicht im Gemachtem sondern Gedachten liegt, verwirklichen.
Die entstandenen Bauten wie der Graubner Pavillon (1983), die Orangerie (in ihr werden Khmer Angorthom Köpfe aus dem 12/13. Jahrhundert gezeigt), die Hohe Galerie (1983), das Zwölf-Räume-Haus (1993) oder der Turm (1989) sah er als begehbare Skulpturen. In ihrer Erstellung gipfeln die Vorstellungen von reiner Form, kompromissloser, puristischer Schönheit und praktischer Anwendung. Einfache geometrische Figuren wie Rechteck, Quadrat oder Kreis bilden die Elemente der dezentral angelegten Ausstellungsräume für die von Karl-Heinrich Müller gesammelten Kunstwerke.
Auch auf dem Gelände der ehemaligen NATO-Raketenstation finden sich Gebäude, die Erwin Heerich entworfen hat. In einem ist das Internationale Institut für Biophysik e.V. (IIB) untergebracht, ein anderes in Form einer Klosteranlage dient als Übernachtungsmöglichkeit für Gäste.
Die Raketenstation – Arbeits- und Lebensraum
Das Gelände der ehemaligen NATO-Raketenstation dient heute als Arbeits- und Lebensraum für Künstler, Dichter, Komponisten und Wissenschaftler. Die Bauten und Skulpturen können im Rahmen von Veranstaltungen und Ausstellungen besichtigt werden. Es lohnt jedoch auch ein ausgedehnter Spaziergang auf dem großzügig angelegten Gelände. Hier findet sich das von Alvaro Siza entworfene Institut für Architektur, die begehbare Skulptur von Katsuhito Nishikawa, das Lernhaus von Dietmar Hofmann, das (aktuell im Bau befindliche) Musikstudio von Raimund Abraham, das offene Kloster von Erwin Heerich, „3 Kapellen“ von Per Kirkeby sowie eine Reihe von Ateliers bedeutender zeitgenössischer Künstler.
Auch liegt auf dem Gelände das Field Institue Hombroich, das von den dort arbeitenden Künstlern kuratiert wird. Vier von einem Wall umschlossene See-Container bilden einen 50 m langen und 2,50 m breiten Ausstellungsraum. Dieser schafft in Verbindung mit einem Atelier für Gastkünstler Möglichkeiten für Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und interdisziplinären Projekten. Ebenfalls auf dem Gelände der Raketenstation steht das Ausstellungsgebäude der Langen Foundation, das vom japanischen Architekten Tadao Ando entworfen wurde.
Besucher sollten sich mindestens einen halben Tag Zeit nehmen, um beide Anlagen – die Raketenstation und die Museumsinsel – zu erkunden.
Wer sich für Hombroich und andere Skulpturen-Parks wie zum Beispiel der Skulpturlandskap Nordland um Bodø oder dem Louisiana Museum in Humlebaek nahe Kopenhagen interessiert und diese – besonders sommertaugliche – Art der „Museumsbesuche“ auch selbst einmal unternehmen will, der findet in „Skulpturen-Parks in Europa. Ein Kunst- und Landschaftsführer“ wertvolle Hinweise und Erläuterungen zu den wichtigsten Parks in Europa, in denen Kunst und Kultur eine spezielle Verbindung miteinander eingehen. 80 Parks aus 18 europäischen Ländern werden mit Fotos, Plänen und Texten vorgestellt.
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