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Buchbesprechung: Das Motiv Berg in der Kunstgeschichte – Schrecken und Faszination

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Der Berg. Schrecken und FaszinationUm in Europa von Nord nach Süd zu kommen, gilt es, das Hindernis der Alpen zu überwinden. Heute gelingt das ungleich leichter und bequemer als in früheren Zeiten. Unsere Wahrnehmung der uns umgebenden Berge hat sich dementsprechend gewandelt. Das Motiv des Berges in der Kunstgeschichte spiegelt diese unterschiedliche Wahrnehmung innerhalb der Zeiten wider. Die Kunsthistorikerin Bettina Hausler beginnt ihre breit gefächerte Vorstellung mit dem Datum der angeblichen Besteigung des Mont Ventouxs am 26. April 1336. Francesco Petrarca – ein italienischer Dichter und Humanist – bestieg diesen Berg aus reiner Schaulust ohne besonderen Zweck.

Ob er nun tatsächlich oben war oder die Besteigung als literarisches Ereignis gesehen werden muss, sei dahingestellt. Er eröffnete jedenfalls einen neuen und zuvor nicht da gewesenen Zugang zum Thema „Berg“. Zeitgenossen Petrarcas mögen dies als unnützes Abenteuer abgetan haben, für uns heute eröffnete diese neue Sichtweise die Grundlage, die Berge nicht als Hindernis auf einer Verkehrsroute, sondern als „Playground of Europe“ zu begreifen und zu erleben.

Weiter Bogen von Petrarca bis Richter

Wer sich für die Wahrnehmung des Motivs „Berg“ in der Kunstgeschichte interessiert, der hat ein weites Feld vor sich, das sich beispielsweise von der Darstellung der heimischen Dolomiten eines unbekannten Künstlers um 1200 in St. Jakob in Grissian/Südtirol bis hin zur Verwendung des Bergmotivs in der modernen Kunst Gerhard Richters und anderen erstreckt. Wer sich selbst ein Bild der eindrucksvollen Dolomiten machen will, dem übrigens sei die Überschreitung des Sass Rigais/Geislerspitzen ans Herz gelegt. In der mittelalterlichen Kunst spielt die menschliche Erfahrung in der Bergnatur trotz alpiner Übergänge und Pässe eine untergeordnete Rolle. Die Natur wird stark chiffriert wiedergegeben.

Um 1495 aquarelliert Albrecht Dürer Burg und Stadt von Arco. Mit Leonardo da Vinci beginnt die Loslösung vom traditionellen Bergschema und das Bergmotiv gerät zunehmend auch in der Kunst in den Blickwinkel wissenschaftlichen Interesses. In Dürers Bild befindet sich der Felsen, auf dem das Castello di Arco steht, dominant im Bildmittelpunkt. Wer Albrecht Altdorfers Ölbild von der Alexanderschlacht (1529) in der Alten Pinakothek in München betrachtet (hier bietet sich ein Abstecher von der Münchner Stadtrunde an), der wird mit Hausler feststellen, dass die Berge notwendige Staffage für Fantasielandschaften wurden. Um 1560 skizziert Phillip Apian die Kampenwand. Die Darstellung der Berge wird präziser.

„Sensation eines angenehmen Schauers“

Um 1800 weichen die Schrecken und die Bedrohung, die von den Bergen ausgehen, schließlich der „Sensation eines angenehmen Schauers“. Als Schlüsselbild für die künstlerischen Anforderungen der Romantik gilt Joseph Anton Kochs berühmtes Gemälde „Der Schmadribachfall“ von 1821/22. Die Struktur der Erdformationen und Gebirgsmassive sind klar erkennbar, jedoch wird kein portraitgenaues Abbild erstellt. Caspar David Friedrich malte 1824/25 den Watzmann, ohne ihn je zuvor selbst gesehen zu haben. Ihm ging es mehr um die „Gleichnishaftigkeit eines Kunstwerkes“. Im 19. Jahrhundert werden die Alpen als Kulisse betrachtet und auch so dargestellt. Carl Rottmann malt den Eibsee bei Partenkirchen und Johann Georg Dillis eine Tegernseelandschaft. Österreichische Bergmaler werden zu „Dokumentaristen der Heimat“. Marcus Pernhart zeigt den Großglockner von der Hohenwartscharte aus.

Die Genfer Schule nutzt vor allem die Gegend um Chamonix vor ihrer Haustüre für einen grandiosen Hintergrund. 1862 malt Claude Sébastien Hugard de Latour „Das Eismeer des Montblanc“, über das Hochtouristen mittlerweile jedes Jahr auf der berühmten Haute Route pilgern. Britische Künstler in der Schweiz – allen voran William Turner – halten die Eindrücke ihrer Schweizreisen auf Bildern fest, die wechselnde atmosphärische Bedingungen zeigen. Es sind Schneestürme, Lawinen und Unwetter zu sehen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts findet sich die Publizität der Gipfeleroberungen auch in der Kunst wieder. Ernst Heinrich Platz zeigt 1900 den „Abstieg von der Zugspitze“ und der malende Bergsteiger und bergsteigende Maler Edward Theodore Compton fertigt das Bild „Das Matterhorn vom Rifelberg“ an. Die Autorin widmet sich auch der Fotografie: Ein 1861 entstandenes Foto von Carlton Watkins zeigt einen „Wasserfall“ im Yosemite-Valley in Kalifornien. Es folgen unter anderem Werke von Paul Cézanne, Paul Signac, Giovanni Segantini und Giovanni Giacometti. Segantini will zur Pariser Weltausstellung dem Betrachter ein multi-mediales Erlebnis präsentieren und malt großformatige Panoramen. Wer auf der Transalp unterwegs ist, kann sein Werk in St. Moritz im Segantini-Museum bestaunen.

Bruch mit Traditionen: Blauer Reiter und Brücke – Aufbruch in die Moderne

Der „Blaue Reiter“ bricht mit allen bisherigen Vorstellungen über Malerei. Gabriele Münter beginnt, sich vom „Naturabmalen hin zum Fühlen des Inhaltes zu bewegen“, zum Abstrahieren, zum Schaffen eines Extraktes. Erspüren kann dies der Betrachter von Münters Bild „Landschaft mit weißer Mauer“. In den folgenden Jahren zieht es viele Künstler an den ländlichen Alpenrand. Gabriele Münter und Wassiliy Kandinky lassen sich am Staffelsee nieder. In den 1930er Jahren bringt Kurt Schwitters das „Stubaital“ auf Leinwand.  Auch bei den „Brücke-Malern“ lassen sich Bergmotive finden. Die Sehnsucht nach Einsamkeit wird bei Ernst Ludwig Kirchner deutlich sichtbar.

Im Jahr 1981 malt Gerhard Richter „Garmisch“. Er interessiert sich eigentlich nicht für das Thema „Berg“, mehr faszinieren ihn die formalen Möglichkeiten vorgefundener Fotografien: Unschärfe, diffuse Lichtsituationen und Sujetfragmentierungen stechen dem Betrachter ins Auge. Der Kunst nach 1945 bescheinigt die Autorin zunächst Schwierigkeiten mit dem Motiv „Berg“. Neben der stilistischen Idealisierung während der Jahrzehnte zuvor galt auch die Landschaftsmalerei als antiquiert – der Berg als „Marke“. Andy Warhol schafft das „Portrait einer Ikone“, als er 1987 Neuschwanstein abbildet.

Unser kunstgeschichtlicher Streifzug endet schließlich im Jahr 2005 mit dem österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Wer das alles nachlesen, begreifen und vor allem ansehen will, findet in Bettina Hauslers “Der Berg. Schrecken und Faszination” einen umfassenden Überblick. Hausler versteht es, anhand gut gewählter und vortrefflich beschriebener Beispiele in hervorragender Abbildungsqualität den Bogen von mittelalterlichen Fresken bis zu den Künstlern der Gegenwart zu spannen. Anschaulich erklärt sie an beeindruckenden Bildwerken den Wandel des Motives „Berg“ in der Kunstgeschichte.

Fazit: Lesenswert, Sehenswert, Empfehlenswert

Bettina Hausler: Der Berg. Schrecken und Faszination, Hirmer Verlag, München 2008. 220 Seiten, 176 Abbildungen, 65 Euro, ISBN: 978-3-7774-3975-4

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