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Cerro Torre vor 50 Jahren – Mythos Erstbesteigung

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Blick vom See Laguna auf den Cerro Torre mit NachbargipfelnAm 31. Januar 1959 bestiegen der Österreicher Toni Egger und der Italiener Cesare Maestri den Cerro Torre (3128 m) in Patagonien zum ersten Mal. Kaum eine Erstbesteigung hat ähnlich viele Diskussionen um Wahrheit, hat ähnlich viele Dispute um Beweise und deren Glaubhaftigkeit ausgelöst. Damals wurde diese Erstbesteigung eines der schwierigsten und gefährlichsten Berge der Erde als alpingeschichtlicher Meilenstein gefeiert. Beide Erstbegeher gehörten zur bergsteigerischen Elite der 50er Jahre. Beide hatten zuvor schon die schwierigsten Routen in Fels und in Eis gemeistert.

Der 1926 in Bozen geborene Toni Egger wurde beim Abstieg vom Cerro Torre von einer Eislawine erfasst und stürzte tödlich ab. In seinem Rucksack befand sich das vermeintliche Gipfelsieg-Beweisfoto. Obwohl der Leichnam Eggers Jahre später gefunden wurde, ist die Kamera mit dem Beweisfoto bis heute verschollen. Ihm zu Ehren wurde der Nachbargipfel des Cerro Torre – ebenfalls einer der am schwierigsten zu besteigenden Berge der Erde – nach ihm benannt: Torre Egger (2685 m).

Kompressor und Bohrhaken

cerro-torre-mit-nachbargipfelnCesare Maestri, der 2009 seinen 80. Geburtstag feiert, musste sich seit 1959 immer wieder Vorwürfen aussetzen, die Erstbesteigung sei nie erfolgt. Viele Extrembergsteiger zweifeln bis heute am Gipfelerfolg von 1959, so auch der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner. Maestri, der sich von den zum Teil schweren Vorwürfen tief in seiner bergsteigerischen Ehre verletzt sah, unternahm 1970 sogar den Versuch, die Besteigung unter Zuhilfenahme aller zur Verfügung stehenden technischen Mittel zu erzwingen.

Mit Hilfe eines Kompressors, der mit hohem Aufwand die Wand hochgehieft wurde und der heute noch am Cerro Torre hängt, bohrte sich Maestri auf einer anderen als der angeblichen Erstbesteigungsroute bis knapp unterhalb des berühmten Gipfeleispilzes hinauf. Er setzte etwa 300 Bohrhaken, auf die letzten Meter zum Gipfel verzichtete er jedoch aufgrund der Instabilität des Eises. Die Route heißt deshalb seitdem „Kompressorroute“. Natürlich gab die Wahl einer anderen Route allen Kritikern Rückenwind: Wieso wählte Maestri eine andere Route? War ihm klar, dass nur unter Zuhilfenahme aller technischen Möglichkeiten der Berg bezwungen werden konnte? Zudem schlug Maestri beim Rückzug alle Bohrhaken der letzten Seillänge ab, um potentiellen Wiederholern die ganze Angelegenheit noch schwerer zu machen.

Anerkannte Erstbesteigung und nachfolgende Besteigungen

Die erste – auch von der Fachwelt als solche anerkannte – Besteigung fand am 13. Januar 1974 statt, als Casimiro Ferrari und seine Partner den Gipfeleispilz des Cerro Torre betraten. Sie erreichten den Gipfel über die Westseite nach 1000 Metern Kletterei mit Steileis bis 85° Neigung und Felskletterei bis VI A2 (UIAA).
An der legendären Maestri/Egger–Route, über die die Erstbesteigung 1959 erfolgt sein soll, haben sich seitdem immer wieder Spitzenbergsteiger aus aller Welt versucht. Jedoch fand keiner der Bergsteiger Spuren oder Hinterlassenschaften wie beispielsweise Haken von Maestri und Egger oberhalb des ersten Schneefeldes. Auch widersprach sich Maestri in den darauf folgenden Jahren mehrmals, was die Routenführung oberhalb des so genannten „Sattels der Eroberung“ anbelangt.

cerrot-torre-und-fitz-roy-massivBislang wurde die mythische Originalroute von 1959 nur zweimal durchstiegen: Erst in jüngster Zeit gelang es Bergsteigern, die angebliche Route der Erstbesteigung zu wiederholen. 2005 schaffte die Seilschaft Beltrami/Salvaterra/Garibotti die Durchsteigung der Nordwand, an der auch Maestri und Egger sich versucht hatten (Ein Video dazu findet ihr hier). Sie gaben ihrer Route den Namen „El Arca de los Vientos“. Rolando Garibotti war es auch, dem es zusammen mit Colin Haley binnen drei Tagen im Januar 2008 gelang, eines der noch größten ungelösten alpinistischen Probleme zu meistern: Die Torre-Traverse, bei der die Fels- und Eiszacken von Standhardt, Herron, Egger und Cerro Torre am Stück überschritten werden. Garibotti nutzte ein Gutwetterfenster und ging für seinen Erfolg ein hohes Risiko ein. Jedoch musste sich sein Partner Haley vier Stunden lang durch den Gipfeleispilz des Cerro Torre wühlen, bis beide endlich auf dem letzten Gipfel der Traverse stehen konnten. Gleichzeitig hielten sich auch die Huberbuam im Gebiet auf, um sich zum wiederholten Male an der Traverse zu versuchen. Ihnen gelang währenddessen an der Silla im Fitz Roy Massiv (die vom Pazifik kommenden Winde entladen ihre feuchte Fracht zuerst auf die Torres) die Erstdurchsteigung der Westwand.

Der Mythos „Cerro Torre“ und dessen Bestand

Maestri dürfte sich über all jene jüngsten Erfolge kaum freuen, wünscht er doch dem Cerro Torre, dass er „zu Staub zerfallen“ möge. Sein Name wird wohl auf lange Zeit mit dem des Cerro Torre in Verbindung gebracht werden. Die Zweifel an seiner Erstbesteigung werden solange bestehen bleiben, bis man Beweise für ihre Vollbringung finden sollte. Nur er allein ist bis dahin im Besitz des Wissens um die Wahrheit um eine der größten Mythen der Alpingeschichte.

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