Alpine Schneeschuhtouren – Ein Ausbildungswochenende
Einen Gipfel aus eigener Kraft zu erreichen, dabei nur einer Spur im Schnee zu folgen und nichts als Stille um sich zu haben: Was lange den Skitourengehern vorbehalten war, entdecken seit einiger Zeit auch die Nichtskifahrer für sich. Schneeschuhwandern ist mehr als eine Fortbewegungsart in der freien Natur. Dieser Meinung waren auch die Teilnehmer des Ausbildungswochenendes „Schneeschuhbergsteigen“, das vom DAV angeboten und im Kleinwalsertal abgehalten wurde.
Wie gehe ich bei der Planung einer Tour im winterlichen Hochgebirge vor? Wie finde ich heraus, welche Route zum Auf- und Abstieg geeignet ist? Was muss ich hinsichtlich der Lawinengefahr beachten? Welche Risiken bestehen außerdem? Was ist im Ernstfall zu tun und wie orte und berge ich ein Lawinenopfer? Dies waren nur einige der Fragen, die die Teilnehmer dazu motivierten, an dem Kurs teilzunehmen.
Ein Erlebnisbericht
Mögliche Befürchtungen, dass das umfangreiche Wissen von unserem erfahrenen Übungsleiter lediglich in „grauer Theorie“ vermittelt wird, wurden bald zerstreut: Bei drei Touren bekamen die Teilnehmer in anschaulicher Weise die Grundlagen der Tourenplanung und des „Risikomanagements“ mit auf den Weg.
Die Auenhütte (1238 m) war der Ausgangspunkt zur ersten Tour. Das Ziel: Die Schwarzwasserhütte auf 1620 m, eine DAV-Hütte der Sektion Schwaben, die für die folgenden Tage das „Basislager“ sein sollte. Vor dem Abmarsch an der Ifenbahn wurde noch kurz die Ausrüstungsfrage geklärt, doch alle Teilnehmer waren diesbezüglich schon erprobt und hatten die doch recht umfangreiche Grundausrüstung in oder an ihren Rucksäcken verstaut:
Schneeschuhe natürlich und Teleskopstöcke, Winterkleidung, die warm, aber auch funktionell sein muss. Bei den Anstiegen steigt die Körpertemperatur erheblich und dank der meteorologischen Inversionslage war es an der Hütte und an den Gipfelhängen rund zehn Grad wärmer als im Tal. Handschuhe, Mütze, Gamaschen, Thermosflasche, Schlafsack, das Handy zur Notfallmeldung, Digicam sowie eine topographische Karte im Maßstab 1:25.000 gehören ebenso zur Ausstattung wie die Notfallausrüstung, die die nächsten beiden Tage Lehrgegenstand sein sollte. Schon seit etwa zwei Wochen war die Lawinen-Gefahrenstufe durchgängig mit 1 angegeben, so dass davon auszugehen war, das Lawinenverschütteten-Suchgerät (VS-Gerät, auch „Pieps“ genannt), die Sonde und die Schaufel nur zu Übungszwecken einsetzen zu müssen. „Die standardmäßige Sicherheitsausrüstung für alle Wintersportler, die abseits gesicherter Pisten unterwegs sind, muss intakt sein und sollte immer vollständig mit geführt werden“, erklärt die DAV Sicherheitsforschung.
So begann auch der erste Kurstag mit dem “großen” und “kleinen” Test zur Funktionstüchtigkeit der VS-Geräte. Beim großen Test werden vor dem Abmarsch im Tal alle VS-Geräte sowohl im Sende- als auch im Empfangs-Modus auf ihre Funktionstüchtigkeit hin überprüft, damit im Fall der Fälle ein Gerät noch ausgetauscht bzw. mit neuen Batterien versehen werden kann. Der kleine Test erfolgt vor jeder Tour-Etappe aufs Neue: Der Übungsleiter stellt sich in ca. zehn Meter Entfernung an den Weg und stellt den Empfangs-Modus ein. Nun läuft jedes Gruppenmitglied einzeln und mit einem gewissen Abstand an ihm vorüber – wird nun das volle Signal empfangen, steht dem Aufstieg nichts mehr im Wege.
Nach 1,5 Stunden Gehzeit größtenteils im Gelände – der geräumte Winterwanderweg wurde bei der Melköde verlassen - erreichten die Teilnehmer die Hütte und konnten auf dem Weg dorthin schon zahlreiche Tierspuren ausmachen und auch teilweise identifizieren. Birkhuhn, Fuchs und Rotwild tummeln sich im Waldgebiet der Tallagen, weiter oberhalb davon stößt man auch auf Spuren von Gämsen, Schneehühnern und Schneehasen. Besonders im Hochwinter zwischen 16 Uhr und 10 Uhr morgens sind die Tiere aktiv und auf Futtersuche. In dieser Zeitspanne sollte man nicht im Bereich von Gipfeln, Rücken und Graten unterwegs sein, um sie nicht aufzuschrecken – in den nahrungsarmen Wintermonaten bedeutet dies meist einen energieraubenden Fluchtversuch für die schreckhaften Tiere.
An diesem Wochenende standen noch zwei weitere Touren auf dem Programm: Zunächst wurde der Hehlekopf (2068 m) in Angriff genommen, die Route führte über den Gerachsattel und weiter über einen nach Südosten ausgerichteten Hang hinauf. Der exponierte Gipfel wurde über den östlichen Grat erreicht. Tags darauf galt es, das Berlingersköpfle (1994 m) zu erreichen. Auch hier war der erste Orientierungspunkt wieder der Gerachsattel, die Route verlief dann jedoch zwischen Hehlekopf und der Ifersgundalpe in einer weitläufigen Alp-Landschaft. Der Abstieg verlief über die Ifersgundalpe und durch den Wald unterhalb des Hohen Ifen, bis im Bereich der Melköde wieder der Winterwanderweg erreicht wurde, der bis zur Ifenbahn und der Auenhütte führt.
Was in den Theorie-Sitzungen auf der Hütte im Einzelnen als Lernziel formuliert wurde, konnte bei diesen schönen und empfehlenswerten Touren in der Praxis seine Anwendung finden.
Damit Eure Schneeschuhtour zu einem sicheren Erlebnis ohne böse Überraschungen wird, solltet Ihr vorher stets die folgenden Hinweise beherzigen:
Tourenplanung
Das Ziel sollte bei jeder Tour kurzfristig festgelegt werden, um die jeweilige Wetter- und Lawinenlage miteinbeziehen zu können. Grundlage ist eine topografische Karte mit dem Maßstab 1:25.000. Aus den Höhenmetern, die im Auf- und Abstieg zu bewältigen sind, sowie aus der Gesamtstrecke lässt sich die (ungefähre) Dauer und der Anspruch einer Tour errechnen. Dabei geht man von einer Stundenleistung von 3 km und 400 hm (Aufstieg) bzw. 700 hm (Abstieg) aus. Kräftesparend sind dabei Routen mit regelmäßigem Anstieg ohne häufiges Auf und Ab. Die Höhenlinien in der Karte informieren über die Lage von Bergrücken, Graten und Mulden sowie über die Verteilung der Höhenmeter.
Vor der Tour sollte man den Wetterbericht einholen. Der DAV informiert unter 089 / 29 50 70 oder auf der Homepage täglich aktuell über das Bergwetter. Während der Tour sollte an Checkpunkten immer wieder kontrolliert werden, ob Zeitplan und Routenverlauf stimmen oder ob sich größere Verzögerungen bzw. Abweichungen ergeben. Die wohlbehaltene Rückkehr zur Hütte oder ins Tal ist wichtiger als zwei Minuten „Gipfelglück“.
Lawinenlagebericht
Der Lawinenwarndienst Bayern informiert zuverlässig und umfangreich über die aktuelle Lawinensituation in den Alpen, aber auch im internationalen Raum. Die europäische Gefahrenskala reicht von 1 („gering“) bis 5 („sehr groß“). Der Lawinenlagebericht (LLB) muss von Schneeschuhgehern aufmerksam gelesen und dabei stellenweise auch „übersetzt“ werden. Die Fachtermini finden sich im Glossar. Auf der Seite des Lawinenwarndienstes Bayern findet sich auch ein Archiv der Lawinenunfälle. Es ist interessant und lehrreich, die sachorientierten Unfallberichte mit den vorangegangenen Lageberichten abzugleichen und zu analysieren.
Schnee- und Lawinenkunde
Lawinen entstehen aus einem Zusammenwirken verschiedener Faktoren wie Hangneigung (Hänge, die steiler sind als 30°, gelten allgemein als lawinengefährdet), Bodenbedeckung, Hanglage, Neuschneefall und Wind. Wenn sich z.B. im Schneedeckenaufbau eine so genannte bindungsarme Schicht befindet, sich also die verschiedenen Schichten nicht verbinden können, kann sich ein Schneebrett lösen. Dies geschieht beispielsweise, wenn Neuschnee auf Raureif fällt – die Eiskristalle verhalten sich dann wie Kugellager und die obere Schneeschicht kann sich leicht lösen, unter Fremdeinwirkung durch einen Skifahrer/Schneeschuhgänger, aber auch ohne Zusatzbelastung. Auch der Wind gilt als „Baumeister der Lawinen“, entsprechend sind Wechten und Geländekanten mit Vorsicht zu genießen. Die verschiedenen Lawinenarten (Schneebretter, Staub- und Eislawinen etc.) sind ebenfalls im Glossar aufgeführt.
Umweltverträgliche Routenwahl
Wildtiere sind im Winter besonders gefährdet und brauchen Ruhezonen. Der DAV regelt in Zusammenarbeit mit den Naturschutzbehörden den Umgang mit kritischen Wildeinstandsgebieten. Gerade nordöstlich der Schwarzwasserhütte sind mehrere Ruhegebiete angelegt, die auch unbedingt als solche behandelt werden müssen, auch wenn noch so viele Spuren von Skitouren- oder Schneeschuhgehern hindurchführen. Eine von den Alpenvereinen initiierte Beschilderung hilft bei der Orientierung.
Verschüttetensuche und -bergung
Der Ernstfall ist eingetreten, ein Schneebrett hat sich gelöst und im Lawinenfeld verschwinden zwei Aufstiegsspuren. Ein Notruf per Handy wird abgegeben und die Grobortung mit dem VS-Gerät beginnt. Von der Abbruchstelle führt sie systematisch immer weiter hinab, bis das Sende-Signal des Verschüttungsopfers empfangen wird. Dann erfolgt die Feinortung, bis das Signal den möglichst niedrigen Wert angenommen hat. Diese Stelle wird markiert und mit dem entsprechenden Gerät sondiert. Ist das Opfer geortet, kommt die Schaufel zum Einsatz. Bei diesem Vorgehen ist keine unüberlegte Hast, dafür aber angemessene Eile und Konzentration geboten: Die Überlebenschance eines Opfers liegt bei ca. 92%, wenn es innerhalb von 15 Minuten nach Verschüttung geborgen wird.
Das Reizvolle am Schneeschuhwandern ist, dass so Regionen erreicht werden können, die ohne Schneeschuhe unzugänglich wären. Damit für sich selber, andere oder die Natur keine Schäden entstehen, müssen einige Verhaltensregeln beachtet werden, die aus den hier gegebenen Hinweisen abgeleitet werden. Eine sorgfältige Vorbereitung muss jeder Tour vorausgehen, außerdem sollten Tourenziel, Können und Erfahrung aufeinander abgestimmt sein.
Fotos: Autorin
Um am Berg eigenverantwortlich richtige Entscheidungen treffen zu können, bedarf es der Übung und Erfahrung. Sich angeleiteten Touren anzuschließen, ist ein guter Anfang, ersetzt aber auf lange Sicht nicht die eigene, kritische Beurteilung der Lage. Ausbildungskurse über wenige Tage bis zu einer Woche, die von Bergschulen und dem DAV angeboten werden, sollten daher nicht nur ein einziges Mal, sondern bestenfalls zu Beginn einer jeden Wintersaison besucht werden.
Der aktuelle Lawinenlagebericht:

Weitere Infos findet Ihr unter:
www.alpenverein.de
www.alpinschule.de
www.bergschule-kleinwalsertal.de
Verwandte Artikel
Kommentare
Ihr Kommentar
Alle Felder mit Sternchen (*) sind Pflichtfelder. Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht.

- Bewertungen: 8


















