Buchvorstellung: „Fallen Giants“
Als im Sommer 2008 die Welt nach China blickte, musste man sich schon anstrengen, um die mächtigen Berge des Himalajas und die Probleme des winzigen Landes Tibet zu übersehen. Es wurde eine Fackel hoch auf den Mount Everest getragen und es ging ein Aufschrei durch die Weltpresse, man könne nicht den höchsten Berg der Erde für politische Zwecke missbrauchen.
Bei diesen Meldungen muss Maurice Isserman und Stewart Weaver ein Lächeln über das Gesicht gehuscht sein. Die beiden Historiker haben in einem 579 Seiten starken Werk die Geschichte der Himalaja-Expeditionen von ihren Anfängen im viktorianischen Zeitalter bis in unsere Zeit zusammengefasst. Dem Leser ihres Buches wird schnell bewusst, dass die höchsten Berge der Welt schon immer Prestigeobjekte von Nationalstaaten, Unternehmen und Einzelpersonen waren.
Die Vermessung der Berge
So kamen die ersten, westlichen Bergsteiger nicht für den eigenen Ruhm, sondern zur Ehre der Krone von England in den Himalaja. Es waren Landvermesser, die die Grenzen und Länder des britischen Empires aufzeichnen sollten. Sie waren die ersten, die der Welt am Ende des 19. Jahrhunderts von den gewaltigen Höhen dieses jüngsten Gebirges der Erde berichteten.
Trotzdem dauerte es bis in die 1950er Jahre, als eine französische Seilschaft unter der Leitung von Maurice Herzog den ersten Achttausender bezwang. Angesichts der Tatsache, dass allein 2008 fast 300 Bergsteiger auf dem Gipfel des Everest standen, ist dies vielleicht nur schwer verständlich. Aber Isserman und Weaver erklären, dass es genauso unmöglich gewesen wäre, bereits wenige Jahre nach der Atlantik-Überquerung Lindberghs einen Menschen auf den Mond zu schicken.
In der Anfangszeit der Expeditionen stellte sich das Problem der Zugänglichkeit. Tibet – damals noch unter der Regentschaft des Dalai Lama – verweigerte fast allen Europäern den Zugang und Nepal ließ erst recht niemanden ins Land. Erst 1920, als ein britischer Diplomat dem Dalai Lama Waffen und militärische Ausrüstung zusicherte, erlaubte dieser einer britischen Expedition am Everest, ihr Glück zu versuchen. Zwischen den Jahren 1921 und 1936 zogen sechs Expeditionen im Auftrag ihrer Majestät los, den Gipfel des Everest für die Krone zu beanspruchen. Keine erreichte ihr Ziel. Und die Fehlschläge forderten ihren Tribut in Menschenleben und auch Stolz: „We are beginning to make ourselves look very ridiculous,“ („Wir fangen an, uns ziemlich lächerlich zu machen.“) kommentierte einer der Bergsteiger die Misere des Scheiterns.
Der Berg als Prestigeobjekt
Deutsche, italienische, französische und US-amerikanische Alpinisten teilten dieses Gefühl. Niemand schaffte es auf den Gipfel eines Achttausenders. Obwohl es keine schriftliche Übereinkunft gab, so herrschte während der 1920er und 1930er Jahre eine Art „Gentlemen´s Agreement“, in dem jeder Nation ein anderer Himalaja-Gipfel zugewiesen wurde. Der Mount Everest sollte den Engländern, den Deutschen der Nanga Parbat und der K2 wahlweise den Italienern oder Amerikanern „gehören“.
All diese Nationen schickten Expeditionen los, die – auch wenn sie ihr Ziel nie erreichten –wertvolle Informationen über die Berge, das Klima, Versorgung und die notwendige Ausrüstung in die Heimat brachten. Als Edmund Hillary und Tenzing Norgay schließlich 1953 auf dem Mount Everest standen war dies, so Isserman und Weaver, nicht nur der Triumph von zwei Bergsteigern allein, sondern auch der von Dutzenden ihrer Vorgänger. Sie alle bahnten gemeinsam den Weg auf den Gipfel.
Der Gipfel als Grenzerfahrung
In den 1950er Jahren wurden die „Giganten“ dann nach und nach zu Fall gebracht. Die Briten erfüllten ihren Traum 1953 mit der Besteigung des Mount Everest – immerhin gehörte Hillary als Neuseeländer dem Commonwealth an. Die Deutschen erreichten den Gipfel des Nanga Parbat im selben Jahr. Die Franzosen gelangten bereits 1950 auf die Spitze der Annapurna und die Italiener marschierten 1954 auf den K2. Die Besteigungen fanden unter großer Beachtung und dem Jubel der Öffentlichkeit statt und jeder Bergsteiger war ein Held.
Danach änderten sich die Protagonisten. Eine neue Generation löste in den 1960ern die alte Garde der Country-Club-Bergsteiger ab. Diesen „Rebellen“ ging es in Folge nicht mehr um den patriotischen Ruhm, der mit einer Besteigung verbunden war, sondern um die persönliche Erfüllung und das Erleben der Grenzerfahrung.
In den 1970er und 1980er Jahren schufen Bergsteigerprofis wie Reinhold Messner den Prototypen des „Promi-Bergsteigers“. Er war der erste, der zusammen mit Peter Habeler ohne Zusatzsauerstoff auf den Gipfel des Mount Everest stieg. Von solchen Bergsteigern wurde der „Alpinstil“ für die Achttausender eingeführt – schneller Aufstieg, nur die notwendigste Ausrüstung, keine langen Expeditionen.
Der Himalaja im Wohnzimmer
„Fallen Giants“ ist ein großartiges Buch, das Geschichte und Erzählung miteinander verknüpft. Die beiden Autoren haben für ihre Recherche Archive in Indien, Deutschland, England und den Vereinigten Staaten und insgesamt fast 500 Bücher durchforstet. So kam auch eine Bibliografie von mehr als 100 Seiten zusammen, die sich am Ende des Buches findet. Aber dies ist kein schwerfälliges, elitäres Geschichtsbuch, sondern vielmehr eine Sammlung von Geschichten, Ereignissen, Portraits und Biografien. Hier wird ein Gesamtbild entworfen, ohne dass die Autoren vergessen, ihre Leser zu unterhalten. So füllen sie die Seiten mit lebendigen Charakteren, von dem Herzog der Abruzzen über Tenzing Norgay bis Reinhold Messner. Man trifft harte Kerle und Egomanen, Patrioten, Menschenfreunde und Schurken.
Leider ist das Buch bisher nur in englischer Sprache erhältlich. Wen das aber nicht abschreckt und wer den Himalaja und seine Berggeschichten von der Couch aus kennen lernen will, der ist mit diesem Buch bestens bedient.
Fallen Giants – A History of Himalayan Mountaineering – From the Age of Empire to the Age of Extremes. Maurice Isserman und Stewart Weaver. 579 Seiten. $39,95. Yale University Press.
Verwandte Artikel
Kommentare
Ihr Kommentar
Alle Felder mit Sternchen (*) sind Pflichtfelder. Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht.

- Bewertungen: 7
19.02.2009 16:05
[...] Everest, der britische Landvermesser, nach dem der Berg benannt ist, würde dieser Forderung wohl zustimmen. Ihm war es gar nicht recht, dass er der Namensgeber für [...]