outdooractive Magazin

Wandern, Wegegestaltung und die Landschaftsästhetik – ein kurzer Besuch in der Wissenschaft

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne - Bewertungen: 6
Loading ... Loading ...

Die Freizeitbeschäftigung Wandern erlebt eine Renaissance. Das Hauptmotiv hierfür ist der Naturgenuss und den Wanderer erwarten in Deutschland hunderttausende Kilometer an Wanderwegen. Dieses Wegenetz ist oft bestens ausgezeichnet, aber auch wer mit alten und neuen Hilfsmitteln wie Karte, Kompass und GPS-Gerät losgehen möchte, der findet gute Produkte.

Der Trend ist bekannt, und so hat sich in der Qualität der Wege und im Marketing viel getan: Das Deutsche Wanderinstitut zeichnet besonders würdige und nach bestimmten Kriterien gestaltete Routen mit dem Deutschen Wandersiegel aus, der Verband Deutscher Gebirgs- und Wandervereine verwendet das Zertifikat „Wanderbares Deutschland“. Ohne teures Sportgerät und zu Fuß, der natürlichsten Bewegungsform des Menschen, lassen sich so unsere Natur- und Kulturlandschaften erleben.

Doch wie ist eigentlich ein attraktiver Wanderweg gestaltet? Wie sieht die „ideale“ Landschaft zum Wandern aus? Das outdooractive-Magazin hat mit dem Wissenschaftler Christoph Riegert einen Fachkundigen interviewt.

Die ideale Landschaft

Auf die Frage, wie ein idealer Wanderweg hinsichtlich des Landschaftsbildes aussieht, gibt es laut Riegert keine pauschale Antwort. Hier kommt es ganz auf den Wanderer an: Ist die „sportliche Motivation“ hoch, möchte man also in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Anzahl an Kilometern oder Höhenmetern bewältigen, so stellt die Landschaft eher die Kulisse dar und Aspekte wie die Topographie oder die Wegeform (Wie breit und gut begehbar ist der Weg?) treten in den Vordergrund. Ist der Wanderer jedoch als „Genießer“ unterwegs und möchte sich in der Natur vom Alltag erholen, so legt er mehr Wert auf das Erholungspotenzial seines Wandergebietes und die Ansprüche an das Landschaftsbild steigen. Dafür muss man nun wissen, dass sich dieser Erholungswert einer Landschaft und somit auch ihre Ästhetik aus Einzelfaktoren zusammensetzt.

Zu diesen Einzelfaktoren zählen laut Riegert das Relief der Landschaft, d.h. die Höhengestaltung ihrer Oberfläche, oder der Landschaftstyp. Das kann beispielsweise eine reine Waldlandschaft, eine Weinbaulandschaft oder eine Felsküstenlandschaft sein. Auch der Anteil so genannter Rand- oder Saumstrukturen gehört zu diesen Einzelfaktoren, als Beispiel kann eine Hecke am Rand einer Weide dienen. Besonders wichtig sind auch die „markanten Landschaftselemente“. Diese können natürlicher Art wie Gewässer, Felsen und Baumindividuen sein oder von Menschenhand gemacht wie Burgen.

Diese und andere Einzelfaktoren stehen nun in Beziehung zueinander und sorgen für Abwechslung im Landschaftsbild. „Grundsätzlich zeigen unsere Untersuchungen den eindeutigen Trend, dass Ein- und Ausblicke in die Landschaft den Erholungswert ebenso steigern wie die Sichtbarkeit markanter Landschaftselemente“, so Riegert. „Darüber hinaus werden Abwechslungsreichtum der durchwanderten Landschaft, d.h. die Unterschiede verschiedener wie auch die Vielfältigkeit innerhalb einer Landnutzungsform bevorzugt oder Übergangsformen zwischen den Landschaftstypen wie z. B. ein Gewässerufer oder der Übergang von einem Plateau zum Hang.“

Der ideale Weg

Auch auf die Frage nach der optimalen Gestaltung und Markierung der Wanderwege macht Riegert zunächst eine wichtige Unterscheidung – die der ortsunkundigen Wanderer einerseits und Erholungssuchenden, die einen regionalen Bezug haben, andererseits. „Erstgenannte legen auf eine gute Beschilderung hohen Wert und sind auf eine solche oft angewiesen. Regional Erholungssuchende verfügen hingegen häufig über genaue Ortskenntnisse.“

Bei der Beschilderung sollte nun darauf geachtet werden, dass sie nicht nur eine reine Markierung darstellt, sondern auch, so Riegert, „flexibles Naturerleben“ zulässt. Damit sind Hinweise zu Sonderzielen am Weg wie besagte Landschaftselemente oder Öffnungszeiten von bewirtschafteten Hütten gemeint. Auch Zeit- und Schwierigkeitsangaben oder ob ein Weg für Kinderwagen und Rollstuhlfahrer geeignet ist, sind sinnvolle Informationen. Als Materialien eigenen sich in erster Linie natürliche Stoffe, die sich in die Landschaft einpassen, aber nicht übersehen werden.

Auch ist auf eine angemessene Schriftgröße und farblich harmonische Gestaltung zu achten. Bei Infotafeln ist zudem wichtig, dass diese zwar einerseits Wissen vermitteln, den Wanderer andererseits aber nicht mit Informationen überladen. Favorisierte Wegekörper sind laut Riegert unbefestigte Fußpfade und so genannte wassergebundene Wege. Das sind herkömmliche Wirtschaftswege, die vom seitlichen Bewuchs freigehalten werden, mit einer Tragschicht aus Kies befestigt, festgerüttelt und durch Regenwasser verdichtet sind – z. B. ein klassischer Forstweg. Bei der Gestaltung des Wanderweges sind jedoch nicht nur die Beschilderung und der Wegekörper von Bedeutung, sondern auch die Wegeführung: Rundwanderungen werden nämlich gegenüber Wanderungen mit dem gleichen Hin- und Rückweg bevorzugt. Und für Abwechslung und Spannung sorgt immer die Frage „Wie sieht es hinter der nächsten Wegebiegung aus?“

Zur Person:

Christoph Riegert studierte an der Georg-August-Universität Göttingen Forstwissenschaften und Waldökologie und legte nach dem Referendariat in der Landesforstverwaltung Baden- Württemberg die Große Forstliche Staatsprüfung zum Assessor des Forstdienstes ab. Heute ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Naturschutz und Landschaftspflege an der Universität Göttingen angestellt. Hier zeichnet er sich für verschiedene Projekte verantwortlich, z. B. arbeitet er innerhalb eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes an seiner Dissertation zum Thema “Erfassung und Bewertung der Waldfunktionen”. Auch als Dozent ist Riegert tätig – eines seiner an der Uni angebotenen Seminare trägt z. B. den Titel „Naturverträgliche Erholungsplanung“.

Verwandte Artikel

Kommentare

Ihr Kommentar

Alle Felder mit Sternchen (*) sind Pflichtfelder. Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht.

Feedback für diesen Artikel