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Historische Reisen – Zu Fuß von Sachsen nach Sizilien: Johann Gottfried Seume

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Auch heute noch eine Reise wert. Foto: David Bland

Das outdooractive.com-Team ist für Euch nicht nur in allen Teilen der heutigen Welt unterwegs, sondern begibt sich auch gerne mal auf eine Zeitreise, um die Wurzeln unserer beliebtesten Outdoor-Aktivitäten aufzuspüren. “Freaks”, die ihr Leben am liebsten auf Wanderschaft verbringen und immer wieder an ihre Grenzen gehen, gab es auch schon früher. Historische Reiseberichte geben uns darüber Auskunft – wir stellen Euch einen davon vor.

Johann Gottfried Seume war nicht nur ein deutscher Schriftsteller und Dichter, sondern auch einer der populärsten frühen Fernwanderer, die sich ihre Welt nur um des Gehens Willen erwanderten. Ab 1801 unternahm Seume europaweite Reisen, die legendärste davon ist sicherlich sein “Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802″, die er im Alter von 38 Jahren unternahm.

Seine Fußreise nach Italien führte ihn von Grimma über Dresden, Prag, Wien, Graz, Maribor, Ljubljana, Triest, Venedig, Bologna, Ancona, Terni, Rom, Neapel, Palermo, Syrakus, Messina, Palermo, Neapel, Rom, Siena, Florenz, Bologna, Mailand, Gotthard-Pass, Luzern, Zürich, Basel, Besancon, Dijon, Paris, Nancy, Straßburg, Worms, Mainz, Frankfurt, Fulda, Erfurt, Weimar, Leipzig zurück nach Grimma. Für diesen Weg war er von Dezember 1801 bis August 1802 unterwegs – keine schlechte Leistung und mit heutigen Wandermaßstäben kaum zu messen. Er ging dabei hauptsächlich auf den großen Verbindungsstraßen zwischen den Städten, Wanderwege gab es keine. Heute würde das jeder Wanderer als eine Zumutung empfinden… Seume aber war kein Genuss-Wanderer, er wollte schnell vorankommen, für die Reize der Landschaft hatte er dagegen kaum einen Sinn. Die Überquerung der Alpen im Winter (!), durch Schnee und Eis hindurch, bewältigte er stoisch. Er durchzog die Schluchten des als gefährlich geltenden Apennin und kommentierte die am Wegrand aufgehangenen Menschenknochen trocken als “eben nicht die beste Idylle”.

“Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft”

Über die Motivation zu seiner Fußreise hielt er sich bedeckt, er wollte eigentlich nur “ein wenig auslaufen”. Reisen war für Seume gleichbedeutend mit marschieren, oder auch “tornistern”, wie er es selbst nannte. Er zog diese Fortbewegungsart dem Fahren vor, das er mit einer ignoranten und unselbstständigen Lebenshaltung verband. Er war der Meinung, ” dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.”

Dass so ein Abenteuer nicht ohne die richtige Ausrüstung zu bewältigen ist, wusste auch schon Seume und gedachte seines treu ergebenen Schuhmachers folgendermaßen: “Zum Lobe meines Schuhmachers, des mannhaften alten Heerdegen in Leipzig, muß ich Dir noch sagen, daß ich in den nämlichen Stiefeln ausgegangen und zurückgekommen bin, ohne neue Schuhe ansetzen zu lassen, und daß diese noch das Ansehen haben, in baulichem Wesen noch eine solche Wanderung mitzumachen.“ Nur um eine zweimalige Besohlung kam er unterwegs nicht herum. Statt ein funktioneller Trekkingrucksack, wie wir ihn heute kennen, begleitete ihn ein Tornister aus Seehundsfell mit einem Dachskopf auf dem Rücken. Aus heutiger Sicht fragwürdig erscheint auch die umfangreiche Bibliothek, die er ein dreiviertel Jahr mit sich herumschleppte: Fest entschlossen, alle antiken Klassiker an den “Originalschauplätzen” zu lesen, befanden sich Homer, Horaz, Vergil, Catull und zahlreiche andere gewichtige Werke in seinem Reisegepäck.
Asketisch und spartanisch war auch seine Lebensweise on tour, von den heute so beliebten Einkehrschwüngen wollte er nichts wissen: „Ich trinke keinen Wein, keinen Kaffeeh, keinen Liqueur, rauche keinen Tabak und schnupfe keinen, eße die einfachsten Speisen, und bin nie krank gewesen, nicht auf der See und unter den verschiedensten Himmelstrichen.“

Seume reizten jedoch nicht nur die körperlichen und oft auch strapaziösen Anstrengungen auf seiner Wanderung, sondern er beobachtete kritisch die ihn umgebenden politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse. Mit seinem Erlebnisbericht öffnete er also auch anderen die Augen für die Zustände in fremden Ländern – was keine Selbstverständlichkeit war in einer Zeit ohne Interrail, Auto, Billigflieger und Internet.

“Unter den verschiedensten Himmelstrichen”

Sizilien war nicht das endgültige Ziel dieser langen Wanderung, es war eher eine Etappe von vielen: “Dieses ist also das Ziel meines Spazierganges, und nun gehe ich mit einigen kleinen Umschweifen wieder nach Hause.” Diese Umschweife führten ihn jedoch nicht direkt wieder in seine Heimat, sondern via Norditalien, die Schweiz, Frankreich und quer durch Deutschland zurück nach Grimma.
Es war ein – vor allem am Anfang des 19. Jahrhunderts – besonderes Unterfangen eines Querdenkers, Abenteurers und Einzelgängers, der bei einer achteinhalb Monate dauernden und etwa 6000 km umfassenden Fußreise der Eintönigkeit eines bürgerlichen Lebens zu entgehen versuchte und auch eine Art von Selbstbestätigung suchte in einer Leistung, die damals wie heute als “extrem” anzuerkennen ist.

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