outdooractive Magazin

Distanzreiten – ein Marathon zu Pferd

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne - Bewertungen: 34
Loading ... Loading ...

Ein Distanzreiter auf der Wettkampfstrecke. Foto: Cornelia KollerSaudi-Arabien, Ende des 19. Jahrhunderts: Flirrende Hitze, die Sonne steht im Zenit. Pferdehufe scharren im heißen Wüstensand. Eine beachtliche Anzahl von Reitern, in Kaftans, mit Turbanen und Krummsäbeln, steht mit ihren feurigen Araberpferden am Start zu dem berühmten Pferderennen „Ocean of Fire“.

Unter ihnen ist auch der Amerikaner Frank T. Hopkins mit seinem Mustang Hidalgo. Der tapfere Kurierreiter wird mit seinem treuen Vierbeiner 3000 Meilen durch die Wüste reiten und dabei den harten Gegnern und heftigen Witterungen trotzen – so sieht ein Distanzritt aus, wenn er von Hollywood für ein zahlendes Kinopublikum produziert wird. Das Distanzreiten als Pferdesport sieht in der Realität anders aus und ist dabei jedoch alles andere als uninteressant.

Distanzreiten ist ein Wettkampfsport und im Prinzip ein Marathon zu Pferd. Es gilt, mit dem Pferd eine bestimmte Strecke so schnell wie möglich zu überwinden. Während beim klassischen Marathonlauf der Zweibeiner 42,195 km gelaufen werden, sind es bei den Vierbeinern verschiedene Längen von bis zu 160 km. Man startet jeweils auf der Länge, die der Fitness von Pferd und Reiter entsprechend angemessen ist. Außerdem gibt es Bestimmungen, das Alter des Pferdes betreffend: Für die kürzeste Strecke, so genannte „Einführungswettbewerbe“ von 25 bis 39 km, muss das Pferd ein Mindestalter von fünf Jahren erreicht haben. Für die „langen“ Distanzen von 80 bis 160 km darf es nicht jünger als sieben Jahre alt sein. Um überhaupt an einem Distanzritt teilnehmen zu dürfen, muss der Reiter zumindest das Deutsche Reitabzeichen gemacht haben. Gestartet wird in kleinen Gruppen oder im Massenstart.

Auch wenn es sich um einen Wettkampfsport handelt, steht beim Distanzreiten das Wohl des Vierbeiners an erster Stelle. Entlang der Wettkampfstrecke gibt es verschiedene Checkpunkte: Vet-Check (Stop ohne Pause), Vet-Gate (Stop mit Pause), Trot-By und Kontrollpunkte. An den so genannten VetGates wird von Tierärzten die Verfassung der Pferde geprüft. Hat ein Pferd einen zu hohen Puls, muss der Reiter Strafminuten am VetGate einlegen. Hat sich der Puls nach der Pause gesenkt, darf er weiter reiten. Zeigt das Pferd nach wie vor Ermüdungserscheinungen, wird der Reiter gesperrt. Haben Pferd und Reiter den Ritt erfolgreich abgeschlossen, folgt eine Nachuntersuchung.

Woher stammt die Idee des Distanzritts? Man nimmt an, dass sie unter anderem auf die Entwicklung der Postbeförderung zu Pferde zurück zu führen ist. So gab es beispielsweise bereits zu Zeiten Dschingis Kahns um 1200 n. Chr. mit Hilfe von Pferden ein erfolgreiches Kommunikationssystem, das den Herrscher darin unterstützte, sein Weltreich zu kontrollieren. Auf den Rücken von kleinen, robusten Ponys wurden über weite Distanzen von bis zu 6000 km Eilbotschaften überbracht. Für 500 km brauchten die Kuriere teilweise nur 24 Stunden, da sie die Nachricht an bestimmten Wegpunkten stafettenartig an den nächsten Reiter weitergaben. Im Gegensatz zu heute standen in damaliger Zeit das Leben und das Wohl der Ponys nicht an erster Stelle. Viele starben an Erschöpfung. Kam dadurch eine Nachricht mit Verzögerung an, konnte dem Reiter die Todesstrafe drohen.

Viel später, im Jahr 1860, entwickelte sich ein weiterer, weitaus bekannterer Postdienst zu Pferde: der berühmte Ponyexpress in den USA. Die Route erstreckte sich über fast 3218 km von Joseph, Missouri, bis nach Sacramento, Kalifornien. Der wohl bekannteste Ponyexpress-Reiter war Buffalo Bill. 1955 fand in den USA, in Anlehnung an den Ponyexpress, zum ersten Mal der Tevis Cup, einer der schwersten „Hundertmeiler“ der Welt, statt. Bis heute gelten die USA als eine der führenden Distanzritt-Nationen. In vielen anderen Ländern, wie z.B. der ehemaligen Sowjetunion, wurden Ausdauerprüfungen zur Zuchtselektion herangezogen. Seit 1929 wurden die Pferde regelmäßig auf 100 km lange Distanzritte geschickt. Bei den Züchtern arabischer Pferde gehört der Distanzritt häufig zur Hengstleistungsprüfung dazu.

In Deutschland ist der Ursprung des Distanzreitens beim Militär zu finden. 1892 trat in einem Wettstreit die deutsche gegen die österreichische Kavallerie an. Damals ging es nicht um die Siegprämie, sondern vielmehr um die Ehre. Von 1894 bis ca. 1914 gehörte der Distanzritt in der deutschen Kavallerie sogar zum Pflichtprogramm. Da viele Pferde die lange Distanz von 180 km nicht überlebten, wurde die Wettkampfstrecke auf 80 km verkürzt. Mit dem Einzug der Industrialisierung verlor der Distanzritt in Deutschland an Bedeutung und geriet in Vergessenheit. Den ersten Distanzritt nach dem Krieg veranstaltete der Erfinder der Pferdefachmesse Equitana, Wolf Kröber, im Jahr 1969. Damals ging der Ritt in Ankum unter dem Motto „Reiten ist Wille ins Weite“ über eine 50 km lange Strecke. Danach folgte 1973 der erste 100 km-Ritt und 1974 der erste „Hundertmeiler“ (160 km). 1976 gründeten die Anhänger dieses Sports den Verein Deutscher Distanzreiter und -fahrer (VDD). Er ist Teil der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und hat momentan etwa 2000 Mitglieder.

Dem Distanzreiten sehr ähnlich ist das Wanderreiten. Dabei handelt es sich jedoch um keinen Wettkampfsport, sondern um das Reisen zu Pferd. Die Ritte gehen meistens über mehrere Tage. Die Zeit und die bewältigten Kilometer spielen hierbei eine eher untergeordnete Rolle. Dem Wanderritt liegt auch nicht immer eine vorgeschriebene Route zugrunde. Pferd und Reiter können jederzeit nach Belieben eine andere Richtung einschlagen. Übernachtet wird im Zelt, unter freiem Himmel oder in einer Reitpension, wo es für den Reiter ein Bett und das Pferd eine Box gibt. Eine sehr beliebte Region bei Wanderreitern ist die Lüneburger Heide.

Verwandte Artikel

Kommentare

  1. Franzz Brueck
    19.12.2008 18:33

    Zusatz:
    Um an deutschen Distanzritten teilzunehmen, braucht man KEIN kleines Reitabzeichen.
    Der VDD ist nicht Teil der FN, sondern Anschlußverband an die FN.
    In den sog. VET GATES gibt es keine Strafminuten, sondern die Pause beginnt für das Pferd erst dann, wenn der Puls die erforderliche Frequenz von 64/min oder tiefer erreicht hat. Dies muß innerhalb von 20 Minuten geschehen. Ist dies nicht der Fall, scheidet der Teilnehmer aus.
    In diesen Pausen werden die Pferde nach verschiedenen Parametern durch fachlich ausgebildete Tierärzte untersucht und über ein Weiterreiten entschieden.

Ihr Kommentar

Alle Felder mit Sternchen (*) sind Pflichtfelder. Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht.

Feedback für diesen Artikel