outdooractive Magazin

Faszination Tibet – Ein Interview mit Klemens Ludwig

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne - Bewertungen: 42
Loading ... Loading ...

Tibetische Mönche.

Am Rande der olympischen Spiele in Peking kommt es derzeit täglich zu Protesten für Tibet und gegen die chinesische Herrschafft. Doch was macht Tibet so besonders? Warum fasziniert das Dach der Welt die Menschen so sehr? Das outdooractive.com unterhielt sich mit dem Tibet-Experten Klemens Ludwig über das Land der Mönche und Berge.

Outdooractive.com:
Herr Ludwig, Tibet hat eine Bevölkerung von nur knapp 6 Mio. Menschen. Es gibt viele andere Länder und Volksgruppen, die ebenfalls unterdrückt werden. Warum war schon immer das Interesse der Welt gerade an Tibet so groß? Was macht die Faszination an diesem kleinen Land und seinen Menschen aus?

Klemens Ludwig:
Zuerst einmal zwei Dinge. Tibet ist kein kleines Land. Es ist in seinen historischen Grenzen fast siebenmal so groß wie Deutschland und wirkt nur im Vergleich zu China und Indien als sehr klein. Zum anderen ist Tibet reicht an Rohstoffen. Es gibt dort Uran-, Gold- und Silbervorkommen und ist daher für China auch vom materiellen Wert sehr viel interessanter, als man denkt.

Natürlich ist Tibet nicht das einzige unterdrückte Land der Welt und die große Unterstützung, die das Land weltweit erfährt, hat meiner Meinung nach vor allem mit den Menschen Tibet zu tun.

Seit den 1950er Jahren haben die Bewohner Tibets erlebt, wie ihr Land und die weltlichen Zeugnisse ihrer Kultur systematisch zerstört wurden. Ca. 1,2 Mio. Tibeter sind unter der chinesischen Herrschaft ums Leben gekommen und trotzdem haben sich die Menschen eine Kraft und eine Lebensfreude bewahrt, die die Repression nicht zerstört werden konnte und die ihresgleichen auf der Welt sucht. Das liegt sicherlich an ihrem tiefen buddhistischen Glauben, der aber nicht fanatisch ist. Dieser Glaube ist nicht vergleichbar mit dem anderer Religionen, große Spiritualität und Glaubensstärke werden hier mit Toleranz und Offenheit gepaart. Diese geistige Kraft, die man spürt, wenn man Tibet besucht, ist das Außergewöhnliche und Faszinierende.

Outdooractive.com:
Welchen Einfluss hat Hollywood auf die Tibet-Begeisterung?

Klemens Ludwig:
Es gab diese Begeisterung auch schon vorher, Hollywood hat die Fangemeinde lediglich ausgebaut und verstärkt. Es ist das Land selbst, das eine solch große Faszination ausstrahlt, um sogar Hollywood für sich zu gewinnen.

Outdooractive.com:
Wie schwer ist es für jemanden, die Kultur und Menschen Tibet zu erleben und dort zum Beispiel einen Trekking-Urlaub zu machen?

Klemens Ludwig:
In den letzten Jahren wurde die touristische Infrastruktur des Landes massiv ausgebaut. Es gibt einen regelrechten Boom chinesischer Urlauber, die ca. 90 Prozent der Besucher ausmachen – vor allem seitdem die neue Eisenbahnroute von Gormo (chinesisch Golmund) nach Lahsa eröffnet wurde. Außerdem gibt es in Tibet mittlerweile vier zivile Flughäfen und viele große Hotels. Die Chinesen kopieren oft westliche Tourismusformen in Tibet. Auch in den abgelegenen Gebieten Tibets findet man eine erstaunlich gute Infrastruktur.

Generell sind westliche Reisende sehr wichtig für das Land, da durch sie häufig Informationen auch aus entlegenen Gebieten an die westliche Presse gelangen, die sonst zensiert untergehen würden, weil niemand davon erfährt. Als im Jahr 2006 eine tibetische Nonne auf der Flucht erschossen wurde, waren es rumänische Bergsteiger, die alles filmten und so die Weltöffentlichkeit alarmierten.

Outdooractive.com:
Welche Landschaft erwartet einen Trekking-Touristen in Tibet?

Klemens Ludwig:
Eine sehr abwechslungsreiche. In Ost-Tibet gibt es große Waldbestände und im Sommer sogar Monsun-Regen. Zentral- und West-Tibet sind sehr karg und nicht sehr grün. Wer an Tibet als Schneeland denkt, wird enttäuscht werden. Schnee gibt es eigentlich nur in Richtung Himalaja.

Aber die majestätische Weite des Landes machen den Reiz der Landschaft aus. Man kann tagelang wandern, ohne einen Menschen zu treffen und der Sternenhimmel ist unglaublich intensiv. Man spürt eine sehr starke Verbindung mit dem Kosmos.

Outdooractive.com:
Welche Touren empfehlen Sie unseren Lesern?

Klemens Ludwig:
Eine sehr interessante Tour ist die von Darzedo nach Litang in Ost-Tibet. Dort schlägt das Herz des Widerstandes am stärksten und man kann die ursprüngliche Kultur und ihr Überleben am deutlichsten erfahren. In ruhigen Zeiten ist es auch möglich die Tour von 250 Kilometern alleine zu machen, aber im Augenblick ist ein Führer empfehlenswert.

Auch Wanderungen im Yarlung-Tal südwestlich von Lhasa sind sehr schön. Hier ist die Wiege Tibets, wo man viele Tempel, den alten Königspalast und eine sehr gute Infrastruktur finden kann.

Wer nach Tibet reist, muss sich klar machen, dass das Dach der Welt kein Ziel wie ein anderes ist. Man muss sich auf die Menschen, ihre Geschichte und Kultur einstellen. Deshalb sind Sensibilität und Offenheit hier genauso wichtig, wie die richtigen Schuhe.

Bilder von Klemens Ludwig:

Klemens Ludwig ist freier Journalist und Autor. Er hat bereits sechs Bücher über Tibet veröffentlicht.

Kurz nach der Öffnung Tibets, 1984, reiste er bereits das erste Mal nach Tibet. Da Klemens Ludwig allerdings nicht nur als Publizist tätig ist, sondern sich auch aktiv für ein freies Tibet ausspricht, verweigerte ihm 2004 die chinesische Regierung die Einreiseerlaubnis. Er reiht sich damit in eine Gruppe ein, zu denen auch schön Richard Gere und Brad Pitt gehören.

Vor einer Tibet-Reise empfiehlt outdooractive.com aktuelle Informationen beim auswärtigen Amt einzuholen.

Buchveröffentlichungen von Klemens Ludwig zum Thema:

Dalai Lama, Botschafter des Mitgefühl, Beck Verlag, München 2008

Tibet. Eine Länderkunde, Beck Verlag, München 4. Aufl. 2006

Perspektiven für Tibet, mit einem Beitrag des Dalai Lama, Diamant Verlag, München 1999

Tibet: Schönheit, Zerstörung, Zukunft, (Gemeinsam mit Franz Alt und Helfried Weyer), Umschau Verlag Frankfurt 1998

Der Weg zum Potala, Ein Roman aus dem alten Tibet, Focus Verlag, Gießen 1997

www.tibet-ludwig.de

Verwandte Artikel

Kommentare

  1. Werner Schuster
    11.04.2008 19:25

    Der Artikel gefällt mir sehr gut!
    Man kann sich wirklich sehr realistisch in die Lebensumstände der Personen hineinversetzen. Klemens Ludwig scheint eine sehr schöne Gabe zu sprechen haben.

  2. Jana Dalichow
    12.04.2008 14:34

    Will auch nach Tibet!!!!

Ihr Kommentar

Alle Felder mit Sternchen (*) sind Pflichtfelder. Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht.

Feedback für diesen Artikel